Genderfluid – Teil 1

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Genderfluid

Genderwechsel als Dauerzustand

Es gibt viele Wege, sich als trans Person zu leben. Nicht für alle ist der konsequente dauerhafte Wechsel von einem Gender in das andere richtig. Es kann jedoch ebenso richtig sein, dauernd zu wechseln.

Deshalb habe ich zum Thema Genderfluidität eine kleine Artikelserie geschrieben. 

Teil 1: Sind alle Transgender transsexuell?

Standardfall Transsexualität

Klassisch gibt es die Meinung, dass alle Personen, die sich als trans identifizieren, sich dauerhaft für ein „anderes“ Gender entscheiden. Wie das Wort „trans“ von seinem lateinischen Ursprung nahelegt, geht es um einen Übergang von einem Zustand in einen anderen. Mit der Folge, dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann ich mich aller Welt offenbare, mich operieren lasse usw. usf.

Dahinter steckt jedoch nicht eine biologische Realität, sondern eine Prämisse unseres Gendermodells. Die besagt, dass jede Person für sich genau ein richtiges Geschlecht hat, in dem sie dauerhaft lebt.  Der gedachte Idealzustand ist, dass alle Menschen eindeutig Mann oder Frau sind. Daraus folgt die Erwartung, wenn ich einer Person mit dieser Genderrepräsentation begegne, dann kann ich daraus auf ihre Genitalien, ihren Hormonstatus, ihre Genetik und sogar ihre Fähigkeiten und Vorlieben schließen.

Dass das bruchlose Zusammenpassen, von Genetik, Hormonen, Keimdrüsen, Genitalien und Selbstbild nicht den biologischen Realitäten entspricht, bzw. nur ein statistischer Regelfall, aber nicht ausnahmslos immer der Fall ist, sei hier nur angemerkt. Es ist ein vereinfachendes Modell, ein Wunschbild, das der Realität nur bedingt entspricht. So, wie es auch ein Wunschbild ist, dass jeder Mensch heterosexuell orientiert ist. Doch während zumindest westliche Gesellschaften inzwischen mehrheitlich akzeptiert haben, dass Homosexualität genauso natürlich ist, wie Heterosexualität, ist das bei der Diversität von Geschlecht und Gender bisher (noch) nicht der Fall.

Nun verstoßen allerdings auch die „klassischen“ Transsexuellen gegen das Modell. Das wird für die Gesellschaft und von vielen Betroffenen selbst häufig so erklärt, dass sie schon immer das Geschlecht ihrer Identität gehabt haben. Bloß sei das auf Grund eines „Falschen Körpers“ nicht zu sehen gewesen sei. Kritisch ist dann nur die Übergangsphase. Befristet sind diese Personen draußen oder auch dazwischen. Doch dann wird die Ordnung wiederhergestellt. Die Transition ist vollzogen und sie sind in einer neuen Position wieder kompatibel zum System.

Ausgeblendet wird dabei, dass diese Personen trotzdem nicht zu 100% den Anforderungen des Modells genügen können. Die Genetik bleibt auf jeden Fall „falsch“, vielleicht auch die Genitalien oder bloß die Körpergröße oder die Fettverteilung oder der Haarwuchs oder die Stimmlage.

Wie auch immer, die meisten Transsexuellen akzeptieren für sich das Modell und passen sich in ihm an. Siehe dazu auch meinen Artikel über Hirschauer.

Genderfluidität: Phänomen und Bedrohung

Immer häufiger werden jedoch Fälle bekannt, in denen sich Menschen einer eindeutigen Zuordnung zu einem Gender ganz entziehen oder zwischen den Gendern hin- und herwechseln.

Die Vorstellung, dass es Menschen gibt, die nicht nur ein Gender dauerhaft leben, ist nicht nur nicht vorgesehen, sie wird sogar von manchen als bedrohlich empfunden.

Es hat schon seinen Grund, warum das TSG als Voraussetzung für einen Wechsel des Personenstandes zwingend verlangt, dass die betreffende Person sich letztendlich dauerhaft dem „anderen“ Geschlecht zuordnet und letztlich auch als Zugehörige zu diesem Gender sozial funktioniert. Es geht nämlich im Kern nicht um das Wohl der Betroffenen. Sondern es geht um den Schutz des Modells vor Beschädigungen. Und da ist die möglichst große Stabilität der Genderzugehörigkeit ein wichtiger Aspekt. Deshalb wurde in den inzwischen als verfassungs- und menschenrechtswidrig erkannten Teilen des TSG großer Wert darauf gelegt, die Entscheidung möglichst unumkehrbar zu machen (Stichwort „Zwangskastration“).

Was aber, wenn das gar nicht stimmt?

Eindeutigkeit und Stabilität in einer Geschlechtsrolle ist sicher der überwiegende Normalzustand und für ein unkompliziertes Leben die wohl beste Option. Für viele, die sich selbst als trans definieren, funktioniert das jedoch nicht. Auch für mich funktioniert es nicht. 

Tatsächlich gibt es viele trans Personen, die nicht nur für eine Phase des Übergangs, sondern dauerhaft zwischen den Gendern wechseln. Sie fallen nur nicht als solche auf. Wenn sie in dem Gender agieren, das ihrem zugewiesenen Geschlecht entspricht, fallen sie sowieso kaum auf. Und wenn sie ihr Gender wechseln, dann müssen sie erst einmal als Wechselnde auffallen. Vor allem müsste auffallen, dass sie nicht dauerhaft gewechselt haben. Das wiederum können die meisten Beobachtenden nicht wissen.

Ich weiß wirklich nicht, ob ich ein Mann oder eine Frau bin. Ich habe immer geglaubt, ich müsse das für mich sagen können, bzw. ich könnte es für mich sagen. Doch wenn ich ehrlich bin, kann ich es nicht. Letztlich ist es mir auch nicht wichtig. Was ich jedoch sicher weiß: ich brauche es für meine Lebenszufriedenheit für mein Glück, zumindest in gewissem Umfang das Leben einer Frau zu leben, sprich in weiblichem Gender zu leben.

Weiter geht es in Genderfluid 2: Genderfluid = Transvestit? mit einem Blick zurück auf die verschiedenen Begriffe, die zur Einordnung von trans Personen verwendet wurden.

Die komplette Serie

© Jula Böge 2020

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