Genderfluid – Teil 3

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Genderfluid

Genderwechsel als Dauerzustand

Es gibt viele Wege, sich als trans Person zu leben. Nicht für alle ist der konsequente dauerhafte Wechsel von einem Gender in das andere richtig. Es kann jedoch ebenso richtig sein, dauernd zu wechseln.

Deshalb habe ich zum Thema Genderfluidität eine kleine Artikelserie geschrieben. 

Teil 3: Welchen Weg wähle ich?

Ich bin gerne Frau. Auf jeden Fall lieber als Mann. Aber ich will es nicht um jeden Preis sein. Ich brauche es für mein Glück nicht unbedingt, dass mich wirklich alle Menschen immer für eine Frau halten und als solche behandeln. Ich kann in bestimmten Kontexten damit leben, dass andere denken, ich sei ein Mann. Nicht jeder Irrtum muss korrigiert werden, manche sind sogar nützlich.

Allerdings hat es lange gedauert, bis ich das für mich akzeptiert habe, denn das Modell war und ist auch in meinem Kopf. 

Tun wir an dieser Stelle doch mal so, als müsste nicht jeder Mensch immer nur ein und die gleiche Person mit dem gleichen Gender sein. Dann stellen sich ganz neue Fragen.

Wer bzw wie bin ich? Was brauche ich wirklich?

Ganz weit vorne steht die Frage: Was brauche ich für mich und warum?

Kann ich damit leben, nicht „alles“ zu haben. Stellen mich Kompromisslösungen zufrieden?

Das Schwierige daran ist zunächst, das mal für sich selbst klar zu haben. Denn wie gesagt: wir haben ja meist selbst die Überzeugung, dass jeder Mensch eine Person mit einer Identität, einem Geschlecht und einem Gender zu sein hat.

Die häufigste Rechtfertigung dürfte sein, dass man ja eigentlich diese Anforderungen erfüllt, also z.B. eine Person mit einem bestimmten Geschlecht ist, und dass man das bloß nicht aller Welt offenbart.

Das war auch lange Zeit mein Modell und ich habe mich tatsächlich noch nicht komplett davon gelöst. Denn ich wünsche mir eigentlich schon, das so von mir sagen zu können.

Näher an der Wahrheit (zumindest an meiner) dürfte liegen, dass ich zwar schon EIN Mensch mit EINER Identität bin. Diesen beiden Aspekten ist jedoch kein eindeutiges Geschlecht und Gender zuzuordnen. Insofern wird mir ein Pendeln zwischen den Gendern am ehesten gerecht.

Außerdem geht es nicht um mich allein. Niemand ist eine Insel! Wenn ich das berücksichtige, stellen sich weitere Fragen.

  • Welche Erwartungen werden an mich gerichtet?
  • Wo ist es mir wichtig, ein bestimmtes Gender zu haben?
  • Was passt zu mir und meinem Leben?

Einflussfaktoren

Die Freiheit, ich selbst zu sein

Die Gründe, ein bestimmtes Lebenskonzept zu wählen, sind so vielfältig wie die Lebenssituationen und individuellen Gegebenheiten. Was aber nicht entscheidend sein sollte, ist die falsche Überzeugung der Alternativlosigkeit. Ebenso, wie ich lange der Überzeugung war, ich müsse eindeutig eine Frau sein, weil ich nun einmal eindeutig kein Mann war, habe ich geglaubt, ich müsse dauerhaft als Frau leben, weil es mir nicht möglich war, dauerhaft als Mann zu leben. In dem Moment, wo ich mich von der Überzeugung löse, ich müsse dauerhaft nur ein Gender haben, entsteht Freiheit. 

Und diese Freiheit muss man nutzen, um ein für sich tragfähiges Konzept zu finden, das wirklich alles berücksichtigt, was für das persönliche Glück relevant ist. Dazu gehört für die meisten von uns die Familie. Mir ist es z.B. zwar wichtig Frau sein zu können, aber eben nicht um jeden Preis. Ich brauche auch meine Frau und meinen Sohn. Und es ist mir tendenziell egal, für wen mich die Menschen im Job halten, wenn nur meine Freund*innen wissen und akzeptieren wer und wie ich bin.

In Genderfluid 4: Genderfluid leben wende ich mich der Praxis zu. Welche Tücken hat es, als mehrere Personen zu leben? Was könnte unsere Gesellschaft tun?

Die komplette Serie

© Jula Böge 2020

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