Genderfluid – Teil 2

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Genderfluid

Genderwechsel als Dauerzustand

Es gibt viele Wege, sich als trans Person zu leben. Nicht für alle ist der konsequente dauerhafte Wechsel von einem Gender in das andere richtig. Es kann jedoch ebenso richtig sein, dauernd zu wechseln.

Deshalb habe ich zum Thema Genderfluidität eine kleine Artikelserie geschrieben. 

Genderfluid 2: Genderfluid = Transvestit?

Der Kampf um die Wahrnehmung und Akzeptanz von trans Personen wurde immer schon vor allem mit Begriffen geführt. Warum rede ich von genderfluiden Transgendern bzw trans Personen?

Als ich vor vielen Jahren anfing, mich mit dem Thema zu beschäftigen, weil ich mich und meine Bedürfnisse verstehen wollte, war die Theorie eindeutig. Entweder ich war transsexuell oder ich war ein Transvestit.
Das ist übrigens eine interessante Parallele zu meinen heutigen Reibungen am Gendersystem, in dem ich nur die Auswahl habe, ob ich Mann oder Frau bin.

Andere Zugänge wie z.B. den Begriff Transgender als Oberbegriff gab es nicht. Auch im Deutschen gab es keine Worte wie Crossdresser. Der wanderte erst später aus dem englischen Sprachraum ein. Ich habe ihn für mich auch eine Zeit lang verwendet, weil er weniger pathologisierend als Transvestit ist (also keine medizin. Diagnose ist). Als falsch empfand ich aber immer, dass er wie Transvestit auf das Äußerliche, also das Tragen bestimmter Kleidung fokussierte und nicht auf die dahinterstehende Motivation. 

Historisch waren alle Transvestiten

Geprägt wurde der Begriff von Magnus Hirschfeld mit seinem wichtigen Buch „Die Transvestiten„. Danach waren eigentlich alle, die nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht und Gender zurechtkamen, Transvestiten.

1953 führte Harry Benjamin die Unterscheidung zwischen Transvestiten und Transsexuellen ein, die sich durchsetzte.

Transvestit oder Transsexuelle?

In der Folge war die Welt, geregelt durch die Kategorisierung im ICD, klar: Transsexuelle wollen dauerhaft und mit körperlichen Korrekturen ihr Geschlecht anpassen (damals noch wechseln). Demgegenüber wechseln Transvestiten nur vorübergehend die Geschlechtsrolle.

Nachlesen kann man das im noch gültigen ICD-10 (Version 2019) der unter der Rubrik F64 „Störungen der Geschlechtsidentität“ nach 64.0 Transsexualismus unter F64.1 „Transvestitismus unter Beibehaltung beider Geschlechtsrollen“ aufführt.

Außerdem gibt es unter den Paraphilien (Störungen der Sexualpräferenz) noch unter F65.1 den fetischistischen Transvestitismus, bei dem die Kleidung des anderen Geschlechts zum Zweck der sexuellen Erregung getragen wird.
Auch wenn es eigentlich zwei verschiedene Diagnosen sind, führt die Gleichheit des Begriffs „Transvestitismus“ dazu, dass die gedankliche Koppelung des Wortes Transvestit mit Fetischismus praktisch zwangsläufig ist.

Selbst innerhalb der Community war es den „richtigen Transsexuellen“ immer sehr wichtig, sich eindeutig von den Transvestiten abzugrenzen. Sie waren DIE Transsexuelle bzw. transsexuelle Frau und eben keinesfalls DER Transvestit.

Es gibt keine Transvestiten mehr!

In der kommenden Neufassung des ICD gibt es keine Transvestiten mehr. Und auch keine Transsexuellen.

Mit der spätestens 2022 kommenden Neufassung ICD-11 (Beta Draft der WHO) wird es ebenso wie jetzt schon im DSM-5 keinen Transvestitismus und keine Transsexualität mehr geben. Dort finden sich unter Kapitel 17 „Conditions related to sexual health“ die Kategorie HA60 „Gender incongruence of adolescense or adulthood„.

Gender Inkongruenz ist definiert als dauerhafte Inkongruenz zwischen dem persönlich erlebten Gender und dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht. Von den Paraphilien wird dies eindeutig abgegrenzt

Als pathologisierende Diagnosen sind damit sowohl Transsexualität als auch Transvestitismus Auslaufmodelle.

Meine Kritik am Begriff

Schon die aus dem lateinischen stammende Begriffsbildung mit dem Wort vestis, das Kleidung oder Kleidungsstück bedeutet, legt den Fokus falsch. Es geht nicht um die Kleidung, jedenfalls ist die Kleidung nicht der Kern. Die Kleidung ist lediglich das Mittel und nicht der Zweck. Damit wird der Fokus auf die Wirkung gelegt und nicht auf die Ursachen.

Selbstverständlich ist Kleidung und Styling ein wichtiger Aspekt. Wie sonst soll ich denn dokumentieren, wie ich fühle? Doch sie ist eben nicht der Kern des Themas.

Außerdem stört mich die Herkunft des Begriffes aus einem medizin. Diagnoseraster. Ich bin nicht krank.

Bereits erwähnt hatte ich den Ärger über die enge Verknüpfung mit sexuellen Praktiken über die Verwendung des gleichen Wortes bei F65.1. Es geht nicht um Sexualität.

Selbst wenn ich meinen Widerständen zum Trotz bereit gewesen wäre, die Beschreibung in F64.1 als für mich im Wesentlichen zutreffend zu akzeptieren. Es bleibt immer noch der Punkt, dass ich damit auch die Zuweisung hinnehmen müsste, dass ich im Kern doch ein Mann bin. Das sehe ich nicht so. Ja, mein Körper ist biologisch männlich. Doch das ist nicht meine ganze Wahrheit. Ich bin mehr und anders als das mein Körper nahelegt. Mehr dazu: Körpergefühl

Weg damit!

Es läuft darauf hinaus, dass der Begriff „Transvestitismus“ immer schon falsch und irreführend war. Zum Glück verschwindet er bald aus dem ICD und danach hoffentlich endgültig aus Sprache und Denken.

Es geht nämlich bei genderfluiden Lebensweisen nicht darum, dass Männer (weiblicher Transvestitismus wurde fast nie thematisiert) Kleidung tragen wollen, die Frauen vorbehalten ist, sondern es ist ein bestimmter Weg mit dem eigenen Erleben umzugehen.

Der zentrale Aspekt dabei ist Gender, also das soziale Geschlecht bzw. die Geschlechtsrolle. Ich will nicht männliche oder weibliche Kleidung tragen, sondern ich will der Welt als Frau oder Mann gegenübertreten und diese Rolle leben.

Weiter geht es mit Genderfluid 3: Welchen Weg wähle ich? Dort geht es vor allem um die Motivation genderfluid zu leben. 

Die komplette Serie

© Jula Böge 2020

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