Genderfluid – Teil 4

Genderfluid

Genderwechsel als Dauerzustand

Es gibt viele Wege, sich als trans Person zu leben. Nicht für alle ist der konsequente dauerhafte Wechsel von einem Gender in das andere richtig. Es kann jedoch ebenso richtig sein, dauernd zu wechseln.

Deshalb habe ich zum Thema Genderfluidität eine kleine Artikelserie geschrieben. 

Teil 4: Genderfluid leben

Genderfluid leben bedeutet also zwischen den Gendern zu pendeln. Doch wie genau lebt man dieses Konzept? Wem gegenüber legt man seine Transidentität offen und wie genau?

Wenn ich genderfluid lebe, dann habe ich Probleme, die dauerhaft in einer Rolle Lebende nicht haben. Diese resultieren aus der einfachen Tatsache: ich bin zwei Personen!

Person erscheint, indem sie zu andern Personen in Beziehung tritt.

Martin Buber

Individuelle Konzepte

Es gibt viele verschiedene Konzepte genderfluid zu leben. Eigentlich ist es so, dass jede von meinen Bekannten, die (noch) nicht den „ganzen Weg“ gegangen sind, ein individuelles Konzept lebt. Nicht zwei davon sind gleich, manche sind sich noch nicht einmal ähnlich. Ein Beispiel findest du hier.

Insofern ist es wegen der vielen Optionen auch nicht möglich, Empfehlungen zu geben. Aber ich möchte zumindest die verschiedenen Stellschrauben erwähnen.

Formen der Öffnung

Den wenigsten genügt es, nur zu träumen. Wir müssen in irgendeiner Form unser Inneres leben (siehe Ich muss raus!). Aber auch da gibt es nicht nur „entweder oder“, sondern abgestufte Möglichkeiten.

Die entscheidenden Fragen in diesem Zusammenhang sind: Wie offen bin ich? Und wem gegenüber? Wo bin Frau, wo bin ich Mann? Für wen? Und wie gehe ich mit den unvermeidbaren Überschneidungsbereichen um? 

Es fängt schon damit an, dass nicht alle Menschen davon wissen müssen, dass es mich in zwei Versionen gibt. Ich kann …

  • es erzählen, aber nicht anmerken lassen
  • es erzählen und mir anmerken lassen
  • es mir anmerken lassen, aber nicht erzählen
  • in beiden Gendern sichtbar sein

Relevante Personenkreise

Regel

Je näher mir Menschen sind, desto relevanter ist für sie mein Geschlecht und mein Gender. Eltern, Partner*innen und Kinder sind die wichtigsten Personen bei den meisten Menschen und wir tun aus guten Gründen eine Menge, damit es denen gut geht. Teilweise sogar auf Kosten der eigenen Gesundheit, körperlich und psychisch.

Je weiter Menschen weg sind, also je weniger sie Einfluss auf mich haben (emotional oder ökonomisch), desto unbefangener kann ich sein. Denn es ist egal, was sie über mich denken, weil mir vermutlich nicht schaden kann. Fremde Menschen haben weniger Macht über mich.

Also: je mehr Einfluss auf mich, je mehr Möglichkeiten Menschen haben, auf mein Leben Einfluss zu nehmen, desto schwieriger ist die Entscheidung, ob und in welcher Form ich mich Ihnen offenbare!

Viele Schalterstellungen

Ich muss also die Formen, mich zu leben, mit den verschiedenen Personengruppen und teils auch differenziert innerhalb der Gruppen zusammenbringen. 

Aus all dem ergibt sich so etwas wie ein Entscheidungsraum mit vielen möglichen Schalterstellungen. Grundsätzlich könnte man wie auf einer Checkliste ja oder nein anhaken. Schwierig wird es dort, wo sich Kategorien überschneiden oder miteinander interagieren und die Entscheidung nicht die gleiche ist.

Es geht um einen Ausgleich von Interessen. Manches ist essentiell, anderes verzichtbar. Manches brauche ich immer, anderes in einem gewissen, nicht immer gleichen Umfang. Ein bestimmtes Geschlecht oder Gender zu haben ist nun einmal nicht das einzig Relevante. Selbst, wenn es mir extrem wichtig erscheinen mag. Ich brauche auch andere Menschen, Geld und andere materielle Ressourcen, eine Arbeit, die mir Freude gibt, Sport und Hobbies.

Die ungelösten Probleme

Einige Probleme kann ich leider nicht in eigener Regie lösen. Das sind vor allem die, die sich daraus ergeben, dass das was ich tue, von unserer Rechtsordnung so nicht unterstützt wird. Sie geht davon aus, dass ein Mensch auch immer genau eine Person ist und zwar immer die gleiche.

Hinderlich ist vor allem die Setzung der Gesellschaft, dass wir immer und überall den gleichen Namen haben. Damit haben wir natürlich auch nur Ausweispapiere für einen Namen und auch nur für diesen ein Konto und Kreditkarten. Praktisch ist das ärgerlich, wenn ich als Frau eine Bahncard auf den männlichen Namen benutzen muss oder als Mann die Kreditkarte „meiner Frau“.

Bei diesem Problem helfen die bisherigen Überlegungen zu Erleichterungen beim Personenstandsrecht kein bisschen. Denn sie gehen immer noch davon aus, dass es einen Wechsel gibt und danach dann dauerhaft einen anderen Personenstand mit anderem Namen. Dass eine Person flexibel zwei Gender lebt, ist nicht vorgesehen. 

Warum nicht mehrere Namen?

Dafür gäbe es Lösungen. Die wären nicht einmal besonders kompliziert oder aufwändig. Wenn z.B. alle Menschen ohne große Voraussetzungen einen „Künstlernamen“ führen dürften. Der ist nämlich eine echte zweite „Person“. Aktuell gibt es in Deutschland nur drei Wege, auf denen man zu mehreren akzeptierten Identitäten kommen kann. Man arbeitet für einen Geheimdienst, man gehört einer christlichen Ordensgemeinschaft an oder man hat einen Künstlernamen. Für diese drei Gruppen ist es aus vermutlich guten Gründen akzeptabel, dass sie mehrere Personen sein können. Ist es unvorstellbar dieses Recht auch genderfluid lebenden Menschen zuzugestehen? Wir haben auch gute Gründe, warum wir das tun!

Alternativ könnte man das Namensrecht flexibilisieren. In anderen Ländern (Schweden z.B.) ist es kein Problem, sich einen zweiten Vornamen offiziell eintragen zu lassen. Dann könnte ich mir einen männlichen und einen weiblichen Vornamen wählen, die ich alternativ und gleichwertig benutzen kann.

Doch selbst, wenn der Staat Lösungen anbieten würde. Einige Probleme werden uns trotzdem bleiben.

Die Erklärungsbedürftigkeit bleibt. Allerdings gehe ich davon aus, dass der Druck zur Erklärung abnimmt, wenn das Phänomen selbst bekannter und damit alltäglicher wird.

Es bleibt auch die Gefahr des Mobbing und beruflicher bzw. gesellschaftlicher Sanktionen, weil man nicht der Norm entspricht.

Abschluss / Zusammenfassung

Genderfluidität ist sicher weniger anerkannt und noch schlechter zu erklären/rechtfertigen als „anständige Transsexualität“. Aber man kann so leben und es ist für viele von uns sogar der bessere Weg. Für uns selbst, aber auch für die Menschen, die uns wichtig sind.

Es muss aber gesellschaftlich anerkannt werden, dass es diese Konzepte gibt und bestehende Hindernisse (insbesondere bei der Legitimation) müssen beseitigt werden.

Die spezifischen Bedürfnisse von genderfluid lebenden Personen sind bisher noch nicht einmal von den Interessenvertretungen politisch formuliert worden, geschweige denn, dass sie jemand fördert.

Für alle, die glauben, mit der Erfüllung der Forderungen der Transsexuellen, insbesondere nach einer niedrigschwelligen Anerkennung eines anderen Personenstands sei es dann auch mal gut und alle seien zufrieden, dürfte das eine schlechte Nachricht sein. 

Die komplette Serie

Querbezüge

© Jula Böge 2020

2 Gedanken zu „Genderfluid – Teil 4“

  1. Danke für die Erläuterungen und Denkansätze über das schwierige Thema damit hast du mir einige Fragen hinsichtlich beantwortet.

    Gruß
    Moni/ Noah

  2. Vielen Dank für die interessanten Informationen.
    Da ich in der gleichen Situation bin ist es gut die Gedanken, Erklärungen und Erfahrungen anderer zu erfahren und daraus Antworten finden zu können.
    Viele Grüße 🙋🏻‍♀️

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