Das Web verändert die Welt

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Soziale Medien

Während die Konservativen sich noch gegen eine gendergerechte Sprache wehren und eine naturwissenschaftlich längst überholte Einteilung der Menschen in zwei Gender verteidigen, hat die Veränderung schon lange begonnen. Denn anders als in der stofflichen Welt, ist im Internet die Genderfrage sehr viel offener.

Wir glauben heute noch, dass das, was wir sehen, wenn wir einem Menschen begegnen, wahrer und richtiger ist, als das, was er im Internet von sich präsentiert. Doch stimmt das wirklich? Und wird das so bleiben?

Was ist in der virtuellen Welt anders?

Der wohl wichtigste Unterschied: wir unterliegen im Netz nicht dem Diktat der Fremdzuweisung eines Gender. Im Alltag der stofflichen Welt meint jede*r mich aufgrund meiner äußeren Erscheinung irgendwie kategorisieren zu müssen. Irrtum und Unsicherheit sind dabei nicht vorgesehen. Die Informationen auf deren Grundlage das passiert kann ich nur bedingt kontrollieren.

Das ist im Netz vollkommen anders. Wie viele und welche Informationen ich dort bereitstelle, ist sehr weitgehend mir selbst überlassen. Trete ich mit einem Bild in sozialen Netzwerken auf? Und wenn, ja mit welchem. Gendere ich mich selbst? Oder verzichte ich darauf, ein bestimmtes Gender für mich zu reklamieren? Was in der üblichen Lebenswelt unvermeidlich ist, steht im Web zur Disposition.

Vor allem aber kann im Netz der Selbstdarstellung nur sehr selten vermeintlich besseres Wissen entgegengesetzt werden. Ich habe dort sehr weitgehend die Kontrolle über meine soziale/n Rolle/n.

Was machen wir mit der Freiheit?

  • Wir optimieren uns 

Speziell in den sozialen Medien bekommen wir von den Menschen immer eine optimierte Version ihrer Selbst zu sehen. Das bedeutet, dass wir das, was andere von uns wissen, steuern können. Wir selektieren die Informationen und wir verbessern die Bilder. Natürlich versuchen wir auch im sonstigen Leben möglichst positive Versionen von uns darzustellen, doch dabei werden wir immer durch unseren Körper limitiert. Im Web müssen wir keine Augenringe, Hautflecken oder gelbe Zähne haben. Wir müssen nicht gehbehindert, taub oder kleinwüchsig sein. All das muss nur dann im Netz Realität sein, wenn wir das wollen.

  • Wir verweigern uns der Zuordnung 

Tatsache ist, dass sich im Netz viele der dort agierenden Personen einer Genderzuweisung entziehen, weil sie erst gar keine so interpretierbaren Informationen zur Verfügung stellen. Wir haben echte Kommunikation mit echten Personen ohne Gender. Das ist etwas, was in der sonstigen Welt extrem selten sein dürfte.

  • Wir wechseln das Gender

Speziell bezogen auf das Gender wird von diesen Freiheiten umfangreich Gebrauch gemacht. 

Das gilt nicht nur für Menschen, die sich selbst als Transgender definieren. Aus Multiuser online Games und sozialen Netzwerken weiß man, dass dort viel häufiger als im sonstigen Leben Menschen mit einem vom Körper abweichenden Gender unterwegs sind.

„In diesem Chat setzt die XXX GmbH Controller/innen ein, die unter mehreren Identitäten Dialoge führen können.“

Aus den AGB eines Flirtportals

Teilweise wird das Gender sogar aus rein wirtschaftlichen Aspekten gewählt. So weiß man von vielen Flirt-Portalen, dass die attraktiven Frauen, die dort mit den Kunden erotische Gespräche führen, „im richtigen Leben“ durchaus Männer sein können. Mehrere der Portale wurden deshalb schon wegen Betrug verklagt.
Leider habe ich keine Informationen, wie diese Strafverfahren ausgegangen sind.

Was ist die „echte Identität“?

Das ist eine fast schon philosophische Frage: Was ist die Wahrheit über einen Menschen? Ist die Wahrheit das, was die anderen aufgrund meines Äußeren in mir sehen? Oder ist es das, was ich in mir fühle und über mich weiß? 

Meine Antwort darauf setzt an der Empirie an. Wer hat die meisten und besten Informationen über ein Individuum? Nein, es ist immer noch nicht Google oder eine andere Datenkrake im Netz, sondern es ist das Individuum selbst. Niemand weiß besser, wer und wie ich bin, als ich.

Menschen wie ich sind nicht die Person, für die sie aufgrund ihrer körperlichen Erscheinung gehalten werden. Wir sind nicht die Person, nach der wir aussehen. Im Grunde genommen ist das sowieso niemand. Niemand ist zu 100% nur das, was die anderen in ihm/ihr sehen.

Das Netz eröffnet mir die Chance ehrlich sagen, wer ich bin. Hier bin ich nicht gezwungen bin, mit einem Gender herumzulaufen, das mir aufgrund meines Körpers von anderen zugewiesen wird, das jedoch nicht meine persönliche Wahrheit ist.

Im Web kann ich gestalten, kann mich so darstellen, wie ich mich sehe bzw. wie ich von anderen gesehen werden möchte. Das ist also nicht bloß eine subjektiv optimierte Version, sondern vielleicht sogar eine wahrere, weil sie näher an der Selbstsicht ist. Für mich ist es ein Akt der Ent-Täuschung also der Überwindung einer falschen Sicht, wenn ich im Web als Frau agiere. Das ist meine persönliche Wahrheit.

Was bedeutet das für die „reale“ Welt

Die hergebrachte Denke ist, dass die selbstbestimmten Identitäten an der „richtigen Welt“ zerschellen, wenn die Menschen ihre eigenen Sichtweisen dagegensetzen können. Doch wir alle haben im Netz Lektionen gelernt, die wir im sonstigen Leben nicht verdrängen können.

Respekt vor der Selbstdefinition

Wir respektieren und akzeptieren im Netz die Selbstdarstellung. Was bleibt uns auch anderes übrig?

Im Regelfall weiß ich von einer anderen Person nur das, was sie über sich zur Verfügung gestellt hat. Ich kann den Selbstdarstellungen im Netz also nur in sehr geringem Maß etwas anderes entgegenhalten. Wir sehen Menschen dort viel mehr so, wie sie gesehen werden wollen, ganz unabhängig davon, ob dieses Bild auch im sonstigen Leben funktionieren würde. Vielen Akteuren, auf die wir treffen können wir gar kein Gender zuordnen und bei den anderen müssen wir das als gegeben hinnehmen, was sie uns präsentieren. 

Im Netz akzeptieren wir, dass wir die Menschen so nehmen müssen, wie wir sie bekommen. Die Selbstbekundung ist praktisch nicht zu widerlegen und hat deshalb viel mehr Gewicht als in der körperlichen Welt. 

Sicher ist lediglich die Erkenntnis, dass die Menschen sich uns so präsentieren, weil sie das so wollen. Sie haben sich Gedanken über ihren Namen gemacht und über die Bilder, die sie der Welt zeigen. 

Durch diese Erfahrungen werden wir offener dafür werden, Menschen so zu nehmen, wie sie genommen werden wollen und nicht so wie wir meinen, dass sie sind.

Wahrnehmung der Vielfalt

Während meine Wahrnehmungsfilter ansonsten dafür sorgen, dass die Menschen sich weitgehend sauber in Frauen und Männer aufteilen, funktioniert das im Netz gar nicht mehr. Es gibt viel zu viele Personen, die sich der Einordnung entziehen. Die vielen zur Verfügung gestellten Gender auf Facebook werden genutzt. 

Im Netz lernen wir auch, dass ein Mensch nicht immer die gleiche Person sein muss. Wir können viele Personen mit verschiedenen Namen sein. Auf Twitter eine andere als im Forum von Spiegel Online. Und wir akzeptieren, dass diese Personen mit verschiedenen Namen die Facetten einer einzigen Persönlichkeit sind.

Akzeptanz von Unsicherheit

Der wohl wichtigste Effekt ist, dass wir lernen, mit einer generellen Unsicherheit zu leben. Über die Erfahrungen, die wir im Netz machen, wissen wir, dass die Person etwas anderes sein kann, als ihr Äußeres. 

Wir lernen, dass Frauen manchmal in der sonstigen Welt Männer sind oder dass es sie vielleicht überhaupt nicht gibt, weil sie nur Fakeprofile auf Datingseiten sind. Oder dass sie nicht einmal Menschen sind, sondern Bots!

Die Erfahrungen verändern uns

Das sind Erfahrungen, die wir nicht verdrängen können. Wir werden die selbstverständliche Überzeugung verlieren, ob Menschen wirklich immer so sind, wie sie aussehen.

Das Modell von Männern hier und Frauen da und einer tiefen Schneise dazwischen wird nicht komplett verschwinden. Aber es wird sich aufweichen, es wird an Selbstverständlichkeit verlieren und es wird uns nicht mehr hindern, auf die Botschaften zu hören, die uns die Menschen senden, und diese Botschaften ernst zu nehmen.

Wir werden immer noch Personen spontan aufgrund ihres Aussehens einem der beiden klassischen Gender zuweisen. Aber wir werden offener für Überraschungen sein. Wir lernen, dass die Fremdzuweisung von Eigenschaften aufgrund der äußeren Erscheinung nicht die einzige Wahrheit einer anderen Person sein muss. Sie ist eine Hypothese. Und wie bei anderen Hypothesen auch, werden wir offen dafür sein, dass sie sich als falsch erweist.

Das ist nichts Schlechtes. Im Gegenteil. Denn was wäre die Welt ohne Überraschungen?

Querverweise

  • Zur Veränderung der Sicht auf Transgender in den Medien: Disclosure

© Jula Böge 2020

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