Disclosure – Eine sehenswerte Dokumentation auf Netflix

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Disclosure

https://www.netflix.com/watch/81284247

Die meisten Menschen kennen keine Trans*person persönlich. Uns selbst geht es nicht anders. Bei mir hat es Jahrzehnte gedauert, bis ich die erste andere Transgender kennenlernte. Deshalb ist das von den Medien vermittelte Bild so wichtig. Es prägt die Vorstellung anderer Menschen von Trans*personen. Und was fast noch wichtiger ist: es vermittelt uns, wie und wer wir sind. Ich habe, wie vermutlich viele von uns, die ersten Vorbilder in den Medien gefunden.

Leider war das Bild, das ich dort über Menschen wie mich fand, über viele Jahre hinweg ein Zerrbild. Siehe dazu auch meinen Artikel „Die Transe muss sterben„. Lange Zeit dachte ich, ich könnte entweder nur eine Witzfigur sein oder ein Psycho, aber niemals eine liebenswerte Person.

Disclosure berichtet die Geschichte der filmischen Darstellungen von Transgendern von den Anfängen bis in die aktuelle Zeit. Es gibt eine Unmenge von Beispielen aus Filmen und Fernsehshows. Daneben sehr reflektierte Stellungnahmen der interviewten Trans*personen.

Eine wesentliche Erkenntnis, die mir die Dokumentation vermittelt hat: Den Strukturen der Gesellschaft und damit auch der Filmindustrie geschuldet, ist der Blick auf Trans*personen über lange Zeit hinweg ein rein männlicher gewesen. Die Folge davon war einerseits die weitgehende Abwesenheit von Transmännern.
Andererseits bestätigen die Darstellungen von Transfrauen die schlimmsten patriarchalen Stereotypen von Weiblichkeit. Dazu gehört zum Beispiel der in verschiedenen Filmen geradezu obsessiv dargestellte Ekel, wenn ein Mann feststellt, dass er eine Transfrau geküsst hat. Da ist Kotzen fast noch das mildeste, was passiert.
Der häufigste Beruf von weiblichen Transgender-Charakteren in filmischen Darstellungen ist Sexarbeiterin.

Ein weiterer Aspekt ist die Frage, wer eigentlich Trans*personen in Filmen darstellt. Für sehr lange Zeit waren das nie Transgender. Die Frage, wie glaubwürdig bzw. realistisch diese Darstellungen sein konnten, wurde heftig diskutiert und es gab auch Gleichsetzungen mit Blackfacing. Viel wichtiger aber finde ich, dass es fast noch schlimmer als auf dem sonstigen Arbeitsmarkt für Trans*personen extrem schwierig war als Darstellende einen Job zu bekommen. Nicht als Cis-Charaktere, aber auch nicht einmal als Trans*-Charaktere. Das hat sich erst in den letzten Jahren grundlegend geändert.

Screenshot Disclosure
Screenshot

Doch das sind nur einige der vielen thematischen Aspekte. Es geht um Stereotype, um Diskriminierung, aber auch um Selbstverwirklichung und Würde.

Wenn ihr Zugang zu Netflix habt, schaut euch diese Dokumentation an. Das einzig kritische, das ich sagen kann, ist die Dichte. Ich fand es ziemlich anstrengend gleichzeitig auf die Bilder mit den vielen Beispielen zu achten und die Aussagen der interviewten Personen wahrzunehmen. Die Verweise und Beispiele sind vielfältig und wechseln extrem schnell. Gleichzeitig haben die Interviewten so viel Kluges gesagt. Und bevor ich richtig darüber nachdenken konnte, kam schon die nächste wichtige Aussage.
Ich glaube, ich werde mir die Dokumentation mehrfach anschauen.

© Jula Böge 2020

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