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Warum Essentialismus Mist ist

  • von
Phall-O-Meter

Wer ist eine Frau? Diese Frage ist momentan gesellschaftlich relevant. Auslöser ist eine anstehende Gesetzesreform. Die Regierung will das in weiten Teilen menschenrechts- und verfassungswidrige TSG durch eine auf dem Selbstbestimmungsrecht für trans Personen basierende Neuregelung ersetzen.

Leider finden das nicht nur die ewig Gestrigen und religiöse Fundamentalist*innen diverser Religionen schlimm, sondern auch einige Feminist*innen. Die meinen, das Selbstbestimmungsrecht führt dazu, dass sich Spinner aus seltsamen Gründen zu Frauen erklären. Sie glauben Frauen dadurch schützen zu müssen und zu können, dass sie Personen, die für sie keine Frauen sind, ausschließen.

Dadurch wird die Frage wichtig, wer eine Frau ist. Und damit sind wir beim Essentialismus.

Was ist das überhaupt? 

Essentialismus ist eine alte philosophische Richtung, die auf Aristoteles zurückgeht. Sie besteht in der Überzeugung dass es wesentliche Eigenschaften, eine Essenz gibt, an der man die Zugehörigkeit zu einer Kategorie festmachen kann.

Im Kern lautet die Behauptung: Du musst bestimmte Eigenschaften haben, um eine Frau zu sein.

Das klingt zunächst gar nicht so falsch. Trotzdem ist es Quatsch.

Welche Argumente gibt es und wieso sind sie Mist?

Die meisten der ins Feld geführten Kriterien sind biologistischer Natur. Ich verwende bewusst nicht die Worte biologisch oder naturwissenschaftlich, weil es nämlich stark vereinfachte, nicht wissenschaftlich fundierte Aussagen sind.

Frauen haben XX-Chromosomen und Männer XY

Zwar haben die meisten Menschen eindeutig den einen oder anderen Geschlechtschromosomensatz, doch keinesfalls alle. Außerdem bedeutet ein bestimmter Chromosomensatz nicht zwangsläufig, dass man auch bestimmte äußerliche Geschlechtsmerkmale hat. So gibt es z.B. sehr viele sog. “XY-Frauen”, bei denen eine Testosteronblockade zur Entwicklung eines weiblichen Erscheinungsbildes führt. Viele von den Betroffenen wissen selbst nichts von ihrem Chromosomensatz. Umgekehrt, wenn auch seltener, gibt es auch XX-Männer. Das sind Personen, die bei weiblichem Chromosomensatz ein männliches Erscheinungsbild entwickeln. 

Man muss schon sehr vereinfacht denken, wenn man die Vielfalt der geschlechtlichen Realität in ein schlicht binäres Raster pressen will.

Außerdem: Geschlechtschromosomen sind alles andere als offensichtlich. Die meisten Menschen wissen von ihren eigenen gar nichts. Als entscheidendes Kriterium ist etwas, über das man im Alltag nur Vermutungen anstellen kann, denkbar ungeeignet.

Das personenstandsrechtliche Geschlecht

Kindern wird bei der Geburt, aufgrund des Anscheins der Genitalien ein Geschlecht zugewiesen. Man nennt es auch “Hebammengeschlecht”. Die Zuweisung basiert allein auf körperlichen Merkmalen wie beispielsweise der Länge des Penis/der Klitoris und der Un- bzw. Sichtbarkeit der Hoden.

Was so einfach und eindeutig scheint, ist in Wahrheit komplex. Es ist eher eine Entscheidung nach einer Skala:

Der Maßstab für die Geschlechtsbestimmung von Neugeborenen
See page for author, CC BY 4.0 via Wikimedia Commons

Manche, insbesondere Kirchenvertreter*innen und konservative Politiker*innen beharren auf der ewigen Gültigkeit des bei der Geburt zugewiesenen Geschlechts. 

Frauen haben keinen Penis

Es ist schon irritierend, dass gerade Feminist*innen so besessen von Penissen sind und diesen ca. 12 cm so viel Macht zusprechen.

Einige Essentialist*innen lassen es damit genug sein. Doch für Hardcore-Frauen-Definierer*innen sind operativ entstandene Vulven nicht relevant. Das bedeutet, in dem Moment, wo trans Frauen eine Vulva haben, stellen sie auf die fehlende Gebärmutter, die falschen Chromosomen oder die fehlende weibliche Sozialisation ab. 

Frauen können gebären

Dieses Kriterium wird nur selten aus der Schublade geholt. Denn wenn die Gebärfähigkeit zum Maßstab gemacht wird, sind doch sehr viele Personen exkludiert, die nun doch nicht ausgeschlossen werden können.

Was ist dann mit Frauen, deren Gebärmutter entfernt werden musste oder die aufgrund einer Endometriose keine Kinder bekommen können? 

Frauen sind als Frauen sozialisiert

Hier ist der Einbruch des Gender in die ansonsten biologistische Argumentation. Was genau sind relevante “weibliche Erfahrungen”? Lange Haare? Kleider und Röcke? Highheels? Die Periode? Von Männern sexualisiert werden? Schlechtere Karrierechancen haben? Vergewaltigung?

Braucht es mehrere dieser Erfahrungen? Und wenn ja, wie viele und wie lange? 

Eine Frau sieht aus wie eine Frau

Ein Kriterium, das selbst im Vergleich zu den vorher genannten schwach ist. Denn es sagt eigentlich gar nichts aus. Wie genau sieht eine Frau aus und wann sieht sie nicht mehr weiblich genug? 

Für die essentialistischen Positionen ist das Aussehen jedoch nicht ausreichend. Selbst, wenn dich alle Welt als Frau gendert, aber einen Penis hast, von dessen Existenz niemand etwas weiß, dann bist du keine Frau!

Selbstbestimmung?

Das Kriterium „ich bestimme selbst, welches Geschlecht ich habe“, wird von denen Essentialis*tinnen übrigens nicht als valide angesehen. Da könnte man ja lügen.

Damit ist das eigentlich stärkste Kriterium raus. Die betroffenen Individuen selbst haben zwar das Beste und vollständigste Wissen über sich, doch das ist für Essentialist*innen irrelevant.

Zwischenfazit

Alle in den populären angesprochenen Kriterien erweisen sich bei genauerer Betrachtung als schwierig. Auf die stärkste Evidenz, nämlich das Wissen einer Person über sich selbst, verzichten die Geschlechts-Richter*innen sogar ganz. Denn für sie genügt es nicht, eine bestimmte Eigenschaft zu haben, sondern sie muss für sie auch erkennbar sein.

Da ist keine Essenz

Es gibt also gar nicht DIE Eigenschaft, sondern es werden immer die Eigenschaften nach vorne gezogen und ins Feld geführt, die für die Person gerade wichtig sind, die glaubt das Bestimmungsrecht zu haben. Mal ist es der Penis, mal ist es das Aussehen, mal sind ist die Chromosomen. Doch nie ist es die Selbstbestimmung. Es zählen nur Eigenschaften, die angeblich problemlos verifiziert werden können. Das bedeutet, dass z.B. intersexuelle Personen ein echtes Problem haben. Die biologische Varianz nehmen sie nicht zur Kenntnis.

Deshalb berufen sich die essentialistisch argumentierenden Personen auch situativ immer auf andere. Meist mit dem Ziel, das zu finden, das geeignet ist trans Personen in der konkreten Situation auszuschließen.

Kumulativ verwenden sie die Merkmale übrigens nicht, denn dann wäre der Club der Frauen doch um sehr viele Mitglieder reduziert. Und es geht offensichtlich nur darum, trans Frauen zu diskriminieren.

Essentialismus ist Fremdbestimmung

Im Kern ist Essentialismus also eine Fremdbestimmung. Es genügt nicht eine bestimmte Eigenschaft zu haben die behauptet wird, sondern sie muss von denen, die Definitionshoheit beanspruchen, akzeptiert werden. 

Damit das funktioniert, ist eine wichtige Voraussetzung, dass alle die gleiche, wesentliche Eigenschaft gleich sehen.

Zudem muss man überzeugt sein, dass es nur eine Meinung geben darf. Nämlich die eigene. Zweifel und Dissens kommen in dieser Denkweise nicht vor. Oder man muss überzeugt sein, das man die Definitionshoheit hat. Warum auch immer.

Wer legt also fest, wer ich bin? Immer die anderen! Wobei immer die Person das Bestimmungsrecht für sich reklamiert, die das Argument ins Feld führt. 

Dass es dabei zu Konflikten zwischen verschiedenen Sichtweisen kommen kann, wird ausgeblendet. Es spielt keine Rolle, dass eine Person von anderen in eine bestimmte Kategorie eingeordnet und entsprechend behandelt wird, aber nach der essentialistischen Sicht dieser Kategorie gar nicht zuzuordnen ist.

Dabei ist es gar nicht so unwahrscheinlich, dass eine Person in dem Kontext A der einen Kategorie zugeordnet wird und in Kontext B einer anderen. So kommt es z.B. bei der Toiletten-Frage auf verschiedene Aspekte an. Auf der Männertoilette ist die Person falsch, weil sie wie eine Frau aussieht. Und auf der Frauentoilette ist sie falsch, weil sie einen Penis hat.
Die Probleme, die sich für die Person daraus ergeben, werden entweder gar nicht zur Kenntnis genommen oder einfach bei der betroffenen Person gelassen.

Essentialismus funktioniert nicht

Essentialismus verleugnet die Komplexität der Welt und behauptet das alles ganz einfach ist. Ist es aber nicht.

Bei ganz vielen Menschen sind die Eigenschaften, die gemäß Essentialismus entscheidend sind, weder eindeutig und konsistent noch offensichtlich.

Es kann also sein, dass eine Person so aussieht als habe sie diese Eigenschaften, hat sie aber tatsächlich nicht. Ich verweise nochmals auf die XY Frauen, die einen eindeutig männlichen Chromosomensatz haben, aber aufgrund ihrer genetischen Disposition eindeutig weiblich aussehen. Auch bei vielen trans Personen ist der genitale Status alles andere als offensichtlich.

Tatsächlich machen diese Leute das Gegenteil von dem, was sie behaupten. Sie setzen eben nicht die Biologie, sondern ein binäres gesellschaftliches Konstrukt, nämlich das Gendersystem absolut. Und wollen es zum Maßstab für so etwas komplexes und vielfältiges wie das biologische Geschlecht machen.

Personen, die so argumentieren, verweigern sich der Tatsache, dass trans Personen in aller erster Linie Opfer sind. Sie sind Opfer eines rigiden Gendersystems, das die biologische und soziale Komplexität verleugnet. Diese Debatte ist einfach daneben. Wenn jemand aussieht wie eine Frau und entsprechend behandelt wird bzw. auch wegen ihres so Seins und anders Seins misshandelt wird, kann man ihr dann wirklich den Schutz verweigern, weil sie einen Penis oder auch nur nicht die 100% korrekten Chromosomen hat?

Die Punkte gegen den Essentialismus in Stichworten

  • Es gibt kein Trumpf-As. Da ist kein Merkmal das immer und eindeutig funktioniert
  • Es ist nicht nachvollziehbar, welches der verschiedenen möglichen Kriterien ausgewählt wird
  • Fremdbestimmung wird über die viel validere Selbstbestimmung gestellt 

Essentialismus ist Mist! Deshalb braucht es endlich ein Selbstbestimmungsrecht. Weil nur ich am besten weiß, wer ich bin.

Querverbindungen

© Jula Böge 2022

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