Rezension: Felicia Ewert – Trans. Frau. Sein.

Ewert: Trans. Frau. Sein.

Titel: Trans. Frau. Sein. – Aspekte geschlechtlicher Marginalisierung

ISBN 9783960420712, 15 €

Inhalt

Das Buch liefert genau das, was der Untertitel verspricht: eine Auseinandersetzung mit der geschlechtlichen Marginalisierung von Personen, die trans sind.

Wir haben über viele Jahrzehnte als selbstverständlich hingenommen, dass trans sein so etwas wie ein Verstoß gegen die natürliche Ordnung ist. Dementsprechend haben wir uns bemüht, diese Situation zu beseitigen oder zumindest nicht als Transperson aufzufallen.

Genau hier setzt Ewert an. Sie beschreibt und benennt die Mechanismen, mit denen wir aus der Normalität und damit an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.

Im ersten Teil des Buches widmet sie sich Begriffsdefinitionen. Das ist bei diesem Thema immer notwendig, weil der Kampf um die Akzeptanz von Transpersonen über Sprache und Begriffe geführt wird.

Eine Eigenschöpfung von Ewert ist das „Cistem“, eine Mischung aus „Cis“ und „System“.  Wobei schon das Wort Cis erklärungsbedürftig ist. Cis ist die Kurzform von Cisgender und bezeichnet das Gegenstück von Transgender, also Personen bei denen das Identitätsgeschlecht mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Personenstand übereinstimmt. Erfunden wurde der Begriff übrigens in den frühen 90ern von Volkmar Sigusch als „Zissexualität“, um überhaupt einen Gegenbegriff zu Transsexualität zu haben. Es ist Teil unseres Problems, das auf diese Weise überhaupt erst greifbar gemacht wird, dass es für das „Nicht trans sein“ überhaupt keinen Begriff in der Alltagssprache gibt. So selbstverständlich ist das „Cistem“.

Ewert bezeichnet als Cistem also das bestehende System der Zweigeschlechtlichkeit, das sie als Ausgangspunkt der Unterdrückung von Transpersonen sieht.

Der größte Teil des Buches besteht aus der Darstellung von Unterdrückung und Ausschlüssen durch die „Normalgesellschaft“ im Allgemeinen, durch bestimmte Teile des Feminismus im Besonderen und auch durch uns selbst.

Letztlich diagnostiziert sie für Transpersonen einen „Circle of Shit“, in dem wir gefangen sind, weil wir es nie richtig machen können. Egal ob wir genderspezifische Klischees möglichst gut reproduzieren oder uns dem verweigern, es ist immer falsch.

Bewertung

Die Sprache von Ewert ist deutlich von Postmoderne und genderwissenschaftlichen Seminaren geprägt. Sie hat aber immer auch einen motzigen Unterton, den ich angenehm finde und der dem Ganzen Frische gibt.

Sehr schön und für mich nachahmenswert finde ich ihre Feststellung das Trans-Sein keine Gattungsbeschreibung im Sinne von Mann/Frau/Trans ist, sondern eine Eigenschaft, die zum Geschlecht bzw Gender hinzutritt. Also nicht „Transfrau“, sondern „trans Frau“.

Probleme habe ich dagegen mit ihrer Verwendung der Begriffe „Geschlecht“ und „Gender“ bzw. der von ihr verwendeten Abgrenzung. Die ist für mich nämlich alles andere als klar. Das vor allem, weil sie Geschlecht zwar als etwas Biologisches ansieht, aber die kulturellen Aspekte davon nicht klar abgrenzt.

Etwas schwierig fand ich auch die Ausführungen zu TSG und Personenstandsgesetz. Es wirkt jedoch auf mich immer etwas komisch, wenn Nicht-Jurist*innen versuchen, Rechtsnormen zu erklären. Das tut mir manchmal schon weh.

Insgesamt finde ich das Buch lesenswert und wichtig. Wir müssen uns viel mehr dagegen wehren, dass wir mit einer angeblichen biologischen Realität traktiert werden (strikte Zweigeschlechtlichkeit), die es so gar nicht gibt.

© Jula Böge 2020

Ein Gedanke zu „Rezension: Felicia Ewert – Trans. Frau. Sein.“

  1. Liebe Jula,

    gleich nachdem ich Deine spannende Rezession gelesen hatte hab ich mir das Buch von Felicia Ewert gekauft und gelesen – aber ich muss sagen: Ich bin enttäuscht.

    Nach meiner Wahrnehmung fehlt eine Auseinandersetzung mit den Mechanismen der Unterdrückung, Marginalisierung und Ausgrenzung aus der Normalgesellschaft weitestgehend. Statt dessen konzentriert sie sichc auf eine detailverliebte Auseinandersetzung mit Teilen des Feminismus. Das scheint für sie und ihre persönliche Geschichte wichtig zu sein, aber hierüber erfährt die Leserin leider sehr wenig. Ich persönlich wäre froh darüber, wenn sich Unterdrückungs- Marginalisierungs- und Ausgrenzungserfahrungen im Radikalfeminismus konzentrieren würden. Ich selber habe Feministinnen insgesamt eher toleranter als den Rest der Gesellschaft wahrgenommen. Ich billige es insbesondere traumatisierten Csfrauen auch ausdrücklich zu Schutzräume einzurichten, aus denen sie auch Trans*Menschen ausscchließen. Ich glaube, es gibt für Trans*Menschen noch so viele andere Räume, in die wir uns vorwagen und die wir beanspruchen sollten und müssen, dass es für mich ziemlich unverständlich ist, warum ausgerehnet solche Schutzräume zu einem Hauptaktionsfeld von Trans*Aktivismus werden müssten.

    Auch der Versuch von Felicia Ewert Trans* auf eine untergeordnete Eigenschaft herabstufen zu wollten, widerspricht meiner Wahrnehmung: Lediglich für klare Cis*Menschen machen die Kategorien Frau und Mann in der üblichen Ausschließlichkeit Sinn. Für Inter*- und Trans*Menschen büßen sie an Bedeutung und Ausschließlichkeit ein. Aus meinem Empfinden stellt die Bedeutung die den Kategorien Mann und Frau von Trans*Menschen oft noch gegeben wird lediglich eine Folgeerscheinung unserer eigenen Marginalisierung dar. Diese Bedeutung ist das Ergebnis des Versuchs von Trans*Menschen sich in einem ihrem eigenen Wesenskern wiedersprechenden, ihnen vom Cistem aufgezuwungenen System einer ausschließlichn Bipolarität der Geschlechter zu verorten. Daher ist es meines ERachtens für unseren Emanzipationsprozeß essentiell die Kategorisierung Trans-Cis als die entscheidendere gegenüber der Mann-Frau-Kategorisierung zu etablieren. Trans* als lediglich untergeordnete Eigenschaft aufzufassen läuft einem solchen Emanzipationsprozess zuwider.

    Viele Grüße
    Nicola

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