Matrix ist auch trans*

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Matrix ist einer der Filme, die mich tief beeindruckt haben. Ich habe in seinen Inhalten immer eine starke Verbindung zu meinem Selbstverständnis als trans Frau in dieser Welt gesehen. Als sich zuerst Lana und dann auch noch Lilly Wachowski selbst als trans* geoutet haben, war es mir klar: Das bilde ich mir nicht nur ein.

Einerseits sind mit den beiden Schwestern zwei starke Stimmen für die Akzeptanz von trans Personen hinzugekommen. Ich habe ja schon die Rede von Lana auf meiner Seite. Andererseits ist trans Sein etwas so grundlegendes, dass es gerade bei Künstler*innen in irgendeiner Form ihr Werk beeinflussen muss

Deshalb hat es mich riesig gefreut, als ich durch die Vermittlung von Clara, die Gelegenheit bekam, darüber in einem Podcast zu sprechen.

Nun liegt das Ergebnis vor: Der Podcast https://compendion.net/minutenweisematrix/138/ 
Arne und Bastian haben uns die Möglichkeit gegeben, nicht nur von dem Film zu sprechen. Vielmehr ergaben sich im Gespräch Gelegenheiten, über die immer noch prekäre Situation von trans* Personen auch in unserer Gesellschaft, über die mediale Repräsentation von Trans* und vieles andere mehr zu sprechen.

Trotz der bemerkenswerten Länge unseres Gesprächs habe ich im Podcast doch nicht alles unterbringen können. Deshalb stelle ich im folgenden einige Aspekte kurz dar, zu denen mich das Nachdenken über den Film geführt hat.
Claras Gedanken zu Matrix sind eine weitere Vertiefung, zumal sie sich dem Thema viel systematischer als ich und mit vielen Zitaten und Belegen gewidmet hat.

Matrix als Metapher

Tatsächlich hat mir Matrix ein alternatives Bild zur eher esoterischen Vorstellung von einer Seele im falschen Körper gegeben: ich konnte mich als Frau identifizieren, die in der Matrix – warum auch immer – in einer männlichen Version herumlaufen muss. 

Damit hatte ich auch ein Bild, das ich anderen präsentieren konnte. Damit könnte ich vermitteln, wie ich mich fühle. Es ist schwer, nachvollziehbare Metaphern für das Gefühl des trans* Seins zu finden. Matrix bietet eines, das für andere nachvollziehbar ist.

Das Erwachen

Da ist zunächst die Erkenntnis, dass man selbst in dieser Gesellschaft falsch ist.

Durch den Film gab es ein Bild für mein lange Zeit unkonkretes Unbehagen und das Gefühl, dass mit mir und der Gesellschaft etwas falsch ist. So wie man lebt, ist es nicht richtig, auch wenn alle anderen nichts merken.

Das Bild von der Matrix gibt also zunächst nur ein Aha-Erlebnis für ein individuelles Unbehagen, dessen Ursache zunächst in der eigenen Person liegt.

Morpheus: „Ich weiß ganz genau, was du meinst. Ich will dir sagen, wieso du hier bist. Du bist hier, weil du etwas weißt. Etwas, das du nicht erklären kannst, aber du fühlst es. Du fühlst es schon dein ganzes Leben lang, dass mit der Welt etwas nicht stimmt. Du weißt nicht was, aber es ist da. Wie ein Splitter in deinem Kopf, der dich verrückt macht. Dieses Gefühl hat dich zu mir geführt… Weißt du wovon ich spreche?“

Neo: „Von der Matrix?“

Dialog aus Matrix

In einem nächsten Schritt verschob sich für mich, ähnlich wie für Neo im Film die Perspektive. Es wuchs in mir die Erkenntnis, dass die Gesellschaft falsch ist, weil sie die Realität nicht richtig wahrnimmt.

Dazu gehört jedoch auch das Gefühl, daran wenig ändern zu können, denn die Menschen sind zufrieden mit dem, wie es ist. Weil sie die Welt um sich herum mit ihren Regeln als selbstverständlich nehmen,

Matrix = Gendersystem

Für mich ist es offensichtlich, dass die Matrix eine Metapher für das Gendersystem ist. Die Matrix ist das Modell der Gesellschaft von Geschlecht und Gender. Sie gibt durch ihre Modelle vor, was in der „Matrix-Realität“ möglich ist. 

Wir glauben zwar alle, unser Denken über Männer und Frauen sei eine unveränderliche, unantastbare Realität. Doch das ist es eben nicht. Es ist ein Modell.

So wie Neo habe ich auch lange Zeit nicht erkannt, wo wirklich das Problem liegt: nämlich darin, dass die Matrix nicht die „wirkliche Wirklichkeit“ ist. Es gibt eine biologische Realität, das bestreite ich nicht. Doch sie ist eben nicht so einfach, wie es uns das Modell glauben machen will.

Die Welt ist nicht Natur, sondern so, wie wir sie wahrnehmen, etwas Gemachtes. Die Bedeutung, die wir wahrnehmen ist nicht Natur, sondern etwas uns Vorgegebenes, das uns sehen lässt was wir sollen.

Etwas naiv finde ich allerdings die im Film vermittelte Überzeugung, es gäbe so etwas wie eine „richtige Realität“ hinter dem Modell.

Tatsache ist aber, dass man das Modell angreifen und verändern kann, wenn man erst einmal verstanden hat, dass es ein solches ist und eben nicht die einzige unveränderbare Realität.

Die rote und die blaue Pille

Das ist die wohl bekannteste Szene des Films: Neo soll zwischen der roten Pille, die ihn aus der Matrix befreit und der blauen, die ihn vergessen lässt, dass er in der Matrix lebt, wählen. Für mich ging es nie um die rote, sondern immer nur um die blaue Pille! Also darum es zu schaffen, in eigener Unwissenheit zu verbleiben. Ahnungslos und zweifelsfrei.

Ich glaube nicht einmal, das es rote Pille überhaupt geben kann. Sie bewirkt doch nichts. Wenn man die Modellhaftigkeit unserer Gesellschaftlichen Realität erst mal erkannt hat, dann kann man diese Erkenntnis nicht mehr vergessen. Es sei denn es gäbe eine „blaue Pille“.

Daran schließen sich für mich eine weitere Fragen an. Wenn es sie gäbe, würde ich die blaue Pille nehmen wollen? Und an welche Realität würde ich dann glauben? Daran, nie Frau gewesen zu sein, oder daran, nie ein Mann gewesen zu sein?

Die verfolgte Minderheit

Mit der Erkenntnis, anders zu sein, fällt man aus der Mehrheitsgesellschaft heraus und wird zu einer Minderheit. In Matrix wird diese Minderheit von den Maschinen gejagt, weil diese Personen die Funktionalität stören.

So sehe ich auch die Position von Transgendern: wir sind Störenfriede eines Systems, dass auf einer Illusion beruht, aber die Wahrheit nicht dulden will.

„Die freie Stadt“

Zion ist für mich ein Bild für die Queer-Community.

Einerseits gibt sie das Gefühl, nicht alleine zu sein oder sein zu müssen. Andererseits gibt es die Vielfalt der Positionen und der Streit um den richtigen Weg.

Und wie Zion ist Community trotz ihrer Größe von der Macht der Gesellschaft bedroht und fragil.

Ganz persönlich: mein Pendeln

Gefühlt wechselte ich ständig zwischen der Matrix und der realen Welt.

Wenn ich als Mann der Welt gegenübertrete, dann bin ich in der Matrix.
Ich werde als Mann gesehen und behandelt und wenn ich keine Akte der Rebellion starte und mich brav einpasse und als Realität hinnehme, was ich selbst als falsch erkenne, kann ich leben, funktionieren.

Als Frau bin ich außerhalb der Matrix, in einer Welt die bedroht ist und in der ich Gefahren ausgesetzt bin, weil das System zweier klar abgegrenzter Geschlechter mit entsprechenden verbindlichen Gendernormen meine Existenz nicht dulden will.

© Jula Böge 2020

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