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Als Transgender glücklich leben

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Festivalprogramm

Bei diesem Artikel handelt es sich um die überarbeitete, deutsche Version eines Vortrages, den ich im Juni 2012 unter dem Titel “How to live happily as a transgendered person” auf dem HBTQ-Festival in Göteborg gehalten habe. 

Einleitung

Wann ist man glücklich? Eigentlich genügt es schon, wenn es nichts gibt, das einen daran hindert glücklich zu sein.

Tatsächlich ist es dir die meisten von uns aber so, das wir darunter leiden Trans* zu sein. Wie glauben, wird müssten das überwinden, um glücklich sein zu können. Ist zumindest nicht mehr die andere als trans* Personen erkennbar sein.

Wie schaffen es also Transgender, glücklich zu leben? Sie müssen die Aspekte in den Griff bekommen, die sie daran hindern, glücklich zu sein.
Anmerkung: Man kann die Quellen des Unglücks zweiteilen. Die eine Quelle sind wir selbst. Die andere sind die anderen Menschen, unser näheres Umfeld und die Gesellschaft. Wir müssen also einerseits die Konflikte mit uns selbst bereinigen und andererseits Konflikte mit der Gesellschaft möglichst beseitigen oder zumindest minimieren, denn ganz funktioniert das nie.

Mit den folgenden Anmerkungen möchte ich die aus meiner Sicht größten Problemquellen benennen und Lösungswege aufzeigen.

Die Hindernisse

Im Allgemeinen sind die drei größten Glückshindernisse vermutlich fehlende Gesundheit, Einsamkeit und zu wenig Geld. Doch die sind nicht spezifisch für Transgender, obwohl wir auch diesbezüglich häufiger als andere Menschen Probleme haben. 

Referentin
© Jula Böge

Aber es gibt zwei Aspekte, die sehr spezifisch für uns sind, und von denen möchte ich reden.
Das sind Scham und Angst.
Anmerkung: tatsächlich sind die beiden doch von der Gesellschaft induziert! Wenn mich die Gesellschaft nicht mit Normen und Erwartungen versorgen würde, wie und wer ich zu sein habe, würde ich mich nicht schämen und hätte auch keine Angst- Letztlich kommt doch der gesamte Ärger, den wir haben, von dort. Die Frage ist also: wie gehe ich damit um. Woher nehme ich die Kraft, selbstbewusst ich selbst zu sein.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass fast jede transidente Person sich schon mal dafür geschämt hat, “ nicht normal“ zu sein.

Scham ist ein Signal dafür, dass wir mit uns selbst nicht im Reinen sind. Wir sind nicht so, wie wir glauben, dass wir sein sollten. Was kann man da tun, um mit sich selbst zufriedener zu sein?

Wie viele Transgender haben Angst, sich anderen Menschen in dem Geschlecht zu zeigen, dem sie sich zugehörig fühlen?  Wenn ich wieder von mir ausgehe: wohl alle.

Angst weist auf unsere Beziehungen zu anderen Menschen hin.

Was kann ich tun?

Zu allererst: Akzeptiere und liebe dich selbst so wie du bist. Was so simpel klingt, war zumindest für mich eine schwere Aufgabe. 

Grundlagen der Selbstakzeptanz

1. Du trägst keine Schuld. Du bist bloß so, wie du bist. Weder du noch deine Mutter noch sonstwer ist dafür verantwortlich.  

2. Du kannst dich nicht ändern. Und bloß um es zu erwähnen: auch niemand anderes kann es.

3. Du bist nicht allein. Es gibt Menschen da draußen, die bereit sind, dich so zu akzeptieren, wie du bist.

Du kannst es hinkriegen!

Was will ich wirklich?

Es ist wichtig zu unterscheiden:
Was will ich für mich selbst?
Was will ich, weil andere Menschen es von mir erwarten?

Die Unterscheidung ist deshalb so wichtig, weil du wegen deiner Transidentität Entscheidungen treffen musst, die irreversible Folgen haben können. 

Wenn du dir sicher bist, dass du etwas nur für dich willst, ist alles fein. Aber wenn du meinst, etwas tun zu müssen, weil es andere von dir erwarten, dann solltest du kritisch sein, ob es für dich wirklich dauerhaft gut ist.

Abschließende Anmerkung zum Selbstmanagement

Ich glaube nicht an Schubladen. Außer um Dinge hineinzulegen, natürlich. All die Kategorien, die von Medizinern und Therapeuten für uns erfunden wurden, sind nicht mal die Hälfte der Wahrheit. Bestenfalls sind sie vereinfachende Modell einer komplizierteren Realität, die in etwa richtig sind. Aber meist sind sie nicht mal das. Weil sie es so gut gesagt hat, zitiere ich hier die Journalistin Helen Boyd, My Husband Betty, p. 145:

The classifications of the TG Community are like the worst language ever invented: there are more exeptions to it grammar than applicable rules. These classifications only cloud the issues and delude people into thinking that there are strict definitions that hold up under every circumstances. They aren’t.“

Für mich selbst muss ich übrigens zugestehen, dass ich nicht weiß, was ich wirklich will.

Ich weigere mich, meinen Körper mit Hormonen oder Operationen zu feminisieren. Trotzdem sehe ich mich als Frau.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich für mich gelernt hatte, dass es nicht bloß ein “Entweder-Oder” in der Frage des Geschlechtes gibt. Okay, es ist in unserer Gesellschaft kaum zu vermeiden, entweder als Mann oder als Frau wahrgenommen zu werden, aber das gilt nicht dauerhaft, sondern immer nur für einen konkreten Zeitpunkt. Wenn du es magst oder brauchst, kannst du “das Team” wechseln, auch in kürzeren zeitlichen Abständen. Es gibt nicht bloß die Wahl eine Frau oder ein Mann zu sein. Und es ist auch nicht notwendig, einen bestimmten Körper oder bestimmte Genitalien zu haben, um in der Gesellschaft eine bestimmte Geschlechtsrolle einzunehmen. 

Du kannst dich entscheiden und alles was dann geschieht beruht auf dir und deinen Entscheidungen.

Und wenn du weißt, was du wirklich für dich brauchst, dann kannst du es auch leben. Und “leben” bedeutet in einer Gemeinschaft “kommunizieren.

Du und andere Menschen

Bevor wir über die Kommunikation müssen wir über Gender reden.

Gender

Zunächst und vor allem: Gender ist nichts Naturgegebenes, es ist ein Konstrukt.

Wie Judith Butler sagte: “In short gender is what we DO rather than what we ARE.” (Hervorhebungen von mir)

Die meisten Menschen sehen ausschließlich die Geschlechtsrolle, die du auf der Bühne des Lebens darstellst. Sie werden deine Geschlechtsorgane oder Daten über deine Hormone und Chromosomen nie zu sehen bekommen. Sie sehen dein Gender.

Was sind die Quellen von Gender?

Für andere ist es vor allem dein Körper. Der ist in den meisten Fällen eindeutig. Meist, aber eben nicht immer. Es gibt viele Intersexuelle, die körperlich zwischen den Geschlechtern stehen.
Die meisten Transgender sind körperlich eindeutig – aber leider eindeutig im falschen Geschlecht.

Das ist blöd, denn der Körper und die von ihm vorgegebene äußere Erscheinung sind die Hauptquelle für die Erwartungen anderer Menschen.

Die äußere Präsentation löst eine ganze Kaskade von weiteren Schlussfolgerungen aus. Sie sehen deinen Körper und dein Gesicht und denken: Oh, Leute, die so aussahen habe ich vorher schon gesehen. Sie alle mögen Autos und Fußball und können schwere Dinge heben!

Oder auch: Oh, diese Sorte Leute kann gut mit Kindern umgehen und saubermachen. Sie weinen häufig und werden einmal pro Monat seltsam.

Die Erfahrungen, die Menschen mit Männern und Frauen gemacht haben, formen ihre Erwartungen über Gender. Wenn du dich selbst in einer bestimmten Geschlechtsrolle bewegen willst, dann solltest du nicht all zu viele dieser Erwartungen enttäuschen.

Es geht also darum, mit den Erwartungen anderer Menschen umzugehen. Das einfachste wäre, man könnte den Leuten immer da geben, was sie aufgrund des körperlichen Anscheins erwarten.

Doch das funktioniert nicht. Denn ein wichtiger Aspekt fehlt noch. Wenn alles nur am Körper läge, dann würde es keine Transgender geben. Da muss etwas sein, was uns sagt; du solltest einen anderen Körper haben. Dieses “Etwas” ist die Identität.

Ich habe keine Ahnung, wo sie herkommt. Und auch die Wissenschaften geben keine wirklich überzeugende Antwort. Bloß die religiösen Menschen wissen, woher sie kommt. Sie nennen sie “Seele” und sie kommt von Gott. Tja, ich bin Atheistin. Ich muss einfach akzeptieren, dass die Identität da ist (woher auch immer) und in meinem Kopf den Gedanken entstehen lässt “Du solltest eine Frau sein!” und mich dazu bringt,  in Frauenkleidern unter Menschen zu gehen und darauf zu hoffen, dass sie in mir trotz meines Körpers die Frau sehen, als die ich mich fühle.

Du und die Menschen, die dir nahe sind

Ich könnte auch von den Kindern oder den Eltern sprechen, aber ich denke – beruhend auf meinen Erfahrungen – dass es die schwerste Aufgabe ist, Transidentität in eine Partnerschaft zu integrieren. Wenn du das hinkriegst, dann sind die anderen Beziehungen relativ einfach. 

Oberflächlich betrachtet ist Transidentität etwas sehr Persönliches. Warum sollte das den Partner oder die Partnerin betreffen? Leider ist das aber ein Riesenthema. Das Geschlecht hat soziale Relevanz und dein Umfeld hat Relevanz für dich. Deshalb kann man das nicht trennen. 

Du bist die Person die du bist. Und die Art und Weise, wie du damit umgehst, hat Auswirkungen auf dein Umfeld. Und umgekehrt sind die Bedürfnisse, der dir lieben Menschen für dich ebenso wichtig, wie deine eigenen.

Viele Partnerinnen und Partner versuchen, die Transidentität der anderen Person zu verleugnen. und eine Haltung des “muss mich nichts angehen” einzunehmen. Aber das klappt nicht dauerhaft. Transidentität ist ein wichtiger Teil der Persönlichkeit und kann nicht dauerhaft unterdrückt werden, ohne das der- oder diejenige gesundheitlichen nimmt.

Deshalb ist das allerwichtigste: deine Partnerin/dein Partner muss akzeptieren, wer du bist und dass sich das niemals ändern wird! Wenn das geschafft ist, dann habt ihr einen großen Schritt getan. Und den wichtigsten von allen.

Nun seid ihr bereit für die Verhandlungen. Und die erste Regel dafür ist: seid ehrlich und fair.

Was ihr zu verhandeln habt? Wie ihr die Transidentität in eure Partnerschaft integrieren könnt!
Da sind zum einen deine Bedürfnisse. Was brauchst du, was magst du? Geschlechtsangleichende Operationen, ein Leben als Frau, sexy Klamotten? Was auch immer.
Auf der anderen Seite sind da die Bedürfnisse deiner Partnerein/deines Partners. Kann er oder sie sich in einer homosexuellen Beziehung wohlfühlen? Dich unterstützen? Was geht nicht?

Ihr müsst reden, reden, reden … und zuhören.
Die Gefühle deiner Partner*in sind so real und wichtig, wie sie wichtig für dich ist!

Transidentität in eine Partnerschaft einzubeziehen ist nicht die Sache eines Moments in dem du sagst “Ich will eine Frau sein!” und sie sagt “Okay!” oder “Vergiss es!”.
Es ist ein Prozess, der so lange dauern wird, wie eure Beziehung. Es ist eine lange Straße, die ihr miteinander zurücklegt … und redet.

Du und der Rest der Welt

Du bist die Person, die du in der Öffentlichkeit darstellst.

Vielleicht denkst du, dass die Leute dich anschauen und sagen: ”Das ist nicht wirklich eine Frau, das ist ein Mann!” (oder umgekehrt). Vielleicht ist das so, zumindest am Anfang. Aber es ist schwer eine solche Haltung längere Zeit beizubehalten. (Anm: Nur die längeren Kontakte sind für dich wichtig!)

Es ist anstrengend, immer zu denken: Diese Person sieht doch männlich aus, die ist doch eigentlich ein Kerl!”, wenn die Person sich weiblich präsentiert. Es ist wahnsinnig aufwändig, wenn sie das Bild, das eine Person präsentiert und für sich reklamiert innerlich dauern korrigieren wollen, deshalb geben die meisten Menschen irgendwann auf und interagieren mit der Person, die ihnen präsentiert wird. Und das ist die Person, die du zu sein beanspruchst. Sie können den Mann, der da für sie zunächst ist, nicht erreichen. Sie haben bloß die Möglichkeit, mit der Frau zu reden … und das tun sie dann auch. Deshalb ist die Rolle die “wirkliche” Realität und alles andere wird irreal und uninteressant.

Alicia Keyes hat es auf den Punkt gebracht: “Giving respect earns you respect!

Wenn du dich selbst ernst nimmst und deine Gegenüber auch, dann wirst du auch ernst genommen. Du bist, was du lebst!

Schluss

Du bist am Zug! Es liegt in deiner Hand dein Leben so zu gestalten, dass du nicht an Angst und Scham leiden musst.

Ändere die Art, wie du über deine Transidentität denkst: Das ist kein Handicap, es ist ein Upgrade!

Bild: Transgender haben ein paar Facetten mehr

Du bist eine Person, die bloß einige Facetten mehr hat als die Leute das gewohnt sind. Du kannst das nicht verleugnen und du musst das auch nicht. Akzeptiere es und nutze die Potentiale, die dir gegeben sind. 

Ganz kurz:

1. Lerne dich selbst so zu lieben, wie du bist, deine Transidentität gehört so zu dir, wie die Farbe deiner Augen.

2. Stelle dich deinen Ängsten

3. Sei die Person, die du bist und nehme dich und andere Menschen ernst.

4. Genieße dein Leben!

Querverbindungen

(c) Jula Böge

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