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Rezension: Wenn Kinder anders fühlen - Identität im anderen Geschlecht, Ein Ratgeber für Eltern


Originaltitel: The Transgender Child
Verlag: Reinhardt, München (Mai 2011)
ISBN-13: 978-3497022168

Vorab: das Buch ist sehr lesenswert

Auf jeden Fall für für die Eltern von transidenten Kindern und sonstigen Bezugspersonen (Erzieher/innen, Lehrer/innen). Transidente Kinder sind etwas Besonderes und man weiß allgemein viel zu wenig über dieses Phänomen. Sie brauchen Schutz und Unterstützung und die können sie nur bekommen, wenn die Personen, die Macht über sie haben (Kinder können nun einmal nicht selbst über ihr Leben bestimmen) darüber Informationen haben, was und wie ihr Kind ist. So schnell ist irreparabler Schaden angerichtet. Ich war sehr erschüttert über die immer wieder auftauchenden Hinweise, dass schon sehr junge Kinder sich wegen ihrer Besonderheit mit Selbstmordgedanken tragen.
Das Buch ist aber auch empfehlenswert für erwachsene Transgender, die Schwierigkeiten haben, mit ihrer Besonderheit in der Familie akzeptiert zu werden. Viele Frauen meinen, mit einer harten „das muss mich nichts angehen“-Position das Problem auf die betroffene Person verlagern und damit lösen zu können. Dieses Buch könnte ihnen helfen zu verstehen, dass es so einfach nicht ist und das es Wege gibt, mit einem transidenten Menschen in einer Beziehung zu leben, ohne diese Eigenschaft auszublenden.

Das Buch

Amazon sagt:
„Stephanie Brill, Hebamme, Gründerin der Organisation "Gender Spectrum Education and Training", Oakland (Kalifornien), begleitet Familien mit nicht geschlechts-konformen Kindern, bildet Fachleute auf diesem Gebiet weiter.Rachel Pepper, Oakland (Kalifornien), koordiniert die "Lesbian, Gay, Bisexual, and Transgender Studies (LGBTS)" an der Yale University.“
Das Buch basiert sehr stark auf den praktischen Erfahrungen der Autorinnen. Es enthält viele Originalstatements von betroffenen Kindern und Angehörigen, aber auch Fallbeispiele, praktische Tipps und vereinzelt auch übungen.
Bei dem Buch handelt es sich um eine übersetzung aus dem Englischen. Das amerikanische Original enthält viele spezifische Hinweise, die sich nur bedingt auf die deutschen Verhältnisse übertragen lassen. Es ist lobenswert, dass das Buch diese nicht einfach übernommen hat, sondern auf den deutschsprachigen Raum übertragen hat. So finden sich viele Verweise auf deutschsprachige Ressourcen und auch die rechtlichen Aspekte wurden auf unsere Verhältnisse angepasst.
Gut gefallen hat mir, dass viele Unterüberschriften als zusammenfassende Statements ausgestaltet sind, so dass eilige Leser/innen gleich wissen, ob der kommende Text für sie interessant ist.

Grundsätzliche Ausrichtung

Das zentrale Element des Buches ist das uneingeschränkte Bekenntniszur Akzeptanz. Transidente Menschen sind, wie sie sind. Das muss man akzeptieren. Diese Position ist für die betroffenen Kinder von enormer Wichtigkeit, weil jede andere Herangehensweise nur Leid für sie und andere mit sich bringt.
Dem Phänomen Transidentität selbst begegnen die Autorinnen angenehm (und richtigerweise!) undogmatisch. Da gibt es nicht die gekrampfte Unterscheidung zwischen Transsexualität und Transvestitismus. Unterschieden wird vielmehr nach eher pragmatischen Gesichtpunkten. So wird unterschieden zwischen denjenigen, die sich dem körperlich anderen Geschlecht mit ihrer Identität eindeutig zuordnen und denjenigen, die das verweigern, uneindeutig sind oder „mal so, mal so“. Die Autorinnen beharren nicht auf einer starren Geschlechterdualität, sondern gestehen es den Betroffenen zu, sich als Individuen selbst zu definieren, auch wenn das nicht in das starre Raster „männlich oder weiblich“ passt. Damit sind sie, wie ich finde, sogar ein Stückchen weiter und besser als die von mir häufig bei erwachsenen Transgendern wahrgenommene Sicht, dass man unbedingt Frau sein muss, wenn man nicht Mann sein kann oder umgekehrt. Warum nicht beides? Warum nicht zeitlich wechselnd? Warum überhaupt etwas von beiden?
Die Autorinnen stellen sich auch dem Verhältnis der Transidentität zur sexuellen Orientierung. Für uns Betroffene ist es bekannt, dass diese beiden Dinge wenig bis gar nichts miteinander zu tun haben. Aber woher sollen es Eltern wissen?

Zentrale Inhalte für Eltern

Das Buch ist – schon im Untertitel – ein Ratgeber für Eltern. Und die können in ihrem eigenen Interesse, aber auch im Interesse ihrer Kinder Hilfe bei der komplexen Materie gut gebrauchen.
Zunächst ist festzuhalten, dass Transidentität schon in sehr jungen Jahren relevant wird. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass mich das Gefühl, irgendwie falsch zu sein, mich schon sehr früh – meine Erinnerungen gehen bis ins Kindergartenalter – beschäftigt hat.  Und das muss ernst genommen werden. Das Thema kann jederzeit relevant werden, bei einem  Kleinkind oder bei einem Teenager. Und selbst sehr kleine Kinder müssen mit entsprechenden Selbstbekundungen ernst genommen werden.
Wie nicht anders zu erwarten, widmet sich der größte Teil des Buches der Frage, wie den betroffenen Kindern geholfen werden kann. Die erste Aufgabe dabei ist, dem Kind zu helfen, sich über sich selbst klar zu werden. Dabei legen die Autorinnen Wert darauf, das Kind nicht in eine bestimmte Richtung zu drängen. Die Betonung liegt auf der Individualität, es gibt kein "one size fits all". Wie schon erwähnt müssen die Eltern wirklich offen sein. Homosexualtät, wirkliche Transidentität, aber auch die Verweigerung der Geschlechterkategorisierung überhaupt – vieles ist möglich und Eltern sollten nichts festlegen. Wie schwierig diese Akzeptanz ist und was Kinder häufig stattdessen erleben und erleiden müssen ist in dem Kapitel über zerstörerische Erziehungpraktiken (S. 87 ff) gut beschrieben.
Wie Eltern ihrem Kind wirklich helfen können, wird sehr praxisorientiert ab S. 96 dargestellt. Sehr bewegend und auf den Punkt gebracht fand ich das „Bekenntnis zur Akzeptanz“ auf S. 114f, das in knappen Sätzen eigentlich alles beschreibt, was es braucht auch wenn es ein wenig „amerikanisch“ ist. Am Ende des Buches gibt es auch Hinweise für das sehr sensible Thema „Medizinisches“. Insbesondere die Frage der Unterdrückung der Pubertät, die speziell für körperlich männliche Transgender großen Einfluss auf die spätere Lebensqualität im Wunschgeschlecht haben kann, wird ausführlich behandelt.
Doch nicht nur die betroffenen Kinder selbst brauchen Hilfe. Auch für die Angehörigen ist es schwer. Sie fühlen Angst und Scham und müssen eventuell auch ihre eigenen Vorstellungen davon, wie die Welt und die Menschen so sind, neu definieren. Sie erleiden Verluste, wenn das Mädchen, dass sie kannten plötzlich weg und an dessen stelle plötzlich ein Junge ist oder der Junge sich plötzlich als Mädchen erweist. Sie müssen um diese Verluste trauern und lernen sich über die anderen Menschen zu freuen. Auch diese Gefühle von Eltern und Geschwistern nimmt das Buch ernst und zeigt Wege zum Umgang damit.

Bedeutung für erwachsene Transgender und deren Familien

Es gibt eine weitere Dimension in dem Buch, die mich ziemlich überrollt hat: fast alles, was den Kindern geschieht, kann ich auch in meinem Erwachsenenleben nachvollziehen. Teilweise kann man "Eltern" problemlos durch "Partner/in" oder "Familie“ ersetzen und es stimmt für erwachsene Transgender. Das Unvermögen der Umwelt, das Phänomen zu verstehen, die Schwierigkeiten sich als Betroffene zu artikulieren, die Reaktionen zwischen Ignoranz, Scham, Verleugnung und Angst der Menschen, die einem nahe stehen. So vieles kam mir sehr bekannt vor. Gut, Kinder sind hilfloser, sie haben keine Chance zu gehen, wenn sie das nicht mehr aushalten. Aber können wir Erwachsenen wirklich gehen, wenn wir unsere Familie lieben? Und Kindern werden gesellschaftlich Freiheiten zugestanden, die Erwachsene nicht mehr haben. Da ist vieles enger. Insofern sind die Unterschiede von geringer Relevanz.
Um das zu dokumentieren, nehme ich einige Auszüge aus dem Kapitel über „zerstörerische Erziehungspraktiken“ und formuliere sie neutral:

  • Ausschluss aus dem Familienleben
  • Schuldzuweisung an die betroffene Person
  • Verunglimpfung und Verhöhnung
  • Bedrängnis, Verleugnung und Scham
  • Stillschweigen und Geheimnistuerei
  • Erzwingung von Geschlechtskonformität

Vielleicht nicht alles davon, aber zumindest einiges hat wohl jede erwachsene, transidente Person von ihrer Familie erfahren und erträgt es immer wieder. Ich kenne viele transidente Personen, die unter ihrer familiären Situation leiden und dieses Leid tragen wie eine Last, weil sie die Erwartungen, die an sie gerichtet werden nicht enttäuschen wollen.
Bloß, weil wir erwachsen sind, verlieren wir nicht das Recht auf Akzeptanz und Respekt vor unserer Identität. So wenig, wie die Kinder sich ändern können, so wenig können wir es. Unser Erwachsensein ändert nichts daran, dass wir uns so wie wir nun mal sind, verwirklichen müssen, wenn unser Leben nicht ein einziges Jammertal sein soll.

Fazit

Der für mich wichtigste Satz in dem Buch lautet:
"Unterschätzen Sie niemals die Kraft der Liebe."
Er gilt für transidente Menschen im Guten wie im Bösen. Im Bösen werden wir aus Liebe vor unserer Besonderheit „beschützt“ und aus Liebe und Angst und Scham gezwungen, sie zu negieren und zu verleugnen. Aber die Liebe kann unseren Angehörigen auch helfen zu verstehen und uns dabei zu unterstützen, die Menschen zu sein, die wir nun mal sind: Männer, Frauen oder beides oder keins davon.

© Jula 2011