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Was ist Gender?


Gender ist etwas anderes als Geschlecht

Gender ist in der gesellschaftlichen Diskussion bei uns in Deutschland ein Reizwort.
Dass das so ist, hängt vor allem damit zusammen, dass die deutsche Sprache für die beiden unterschiedlichen Aspekte, die hinter der ursprünglich englischen Unterscheidung zwischen sex und gender stecken, nur ein einziges Wort kennt: Geschlecht. Dadurch erscheint der weitere Begriff „Gender“ als überflüssig. In der Umgangssprache werden Geschlecht und Gender häufig wie austauschbare Begriffe verwendet.
Tatsächlich beschreiben die Begriffe Geschlecht und Gender zwei verschiedene Aspekte. Theoretisch ist die Unterscheidung anhand der Kategorien Natur und Kultur einfach und klar: Geschlecht bezeichnet die individuellen biologischen Eigenschaften und Gender die soziale Geschlechtsrolle. Während die biologischen Eigenschaften naturgegeben sind, handelt es sich bei Gender als sozialer Rolle eindeutig um einen kulturellen Aspekt.

Doch so glatt funktioniert es in der Praxis nicht. Die beiden Begriffe sind im allgemeinen Bewusstsein eng miteinander verwoben. Das Gender einer Person ergibt sich nach landläufiger Meinung direkt und zwangsläufig aus dem Körper. Gender, wenn es überhaupt als etwas eigenständiges akzeptiert wird, erscheint als so etwas wie ein Schatten des körperlichen Geschlechts.
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Dass es so einfach nicht sein kann, zeigt sich jedoch daran, dass Gender in unserer Kultur immer eindeutig ist. Jede Person hat zwangsläufig und unveränderlich eines von zwei Gendern, die sich gegenseitig ausschließen: Mann oder Frau. Würde sich Gender tatsächlich nach der Natur richten, dann könnte das nicht sein. Denn die Natur kennt, wie man an der Vielzahl von biologischen Abweichungen und Zwischenformen beim körperlichen Geschlecht sehen kann, diese  Eindeutigkeit nicht. Es gibt Menschen, die weibliche Geschlechtsorgane haben, aber genetisch männlich sind. Es gibt echte Zwitter, die sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsteile haben, und es gibt Transgender, deren Körper das eine Geschlecht hat, die Psyche jedoch das andere.
Gender ist eine soziale Rolle, die mehr ist, als nur ein anderes Wort für einen bestimmten Körper. Gender hat sicher seine Wurzeln in natürlichen Fakten, aber es erschöpft sich nicht im Körper.

Was wirklich zählt: Das zugewiesene Gender

Gesellschaftlich bin ich ein Mann oder eine Frau nur dann und nur insoweit, wie mir diese soziale Rolle von der Gesellschaft zugestanden wird. Gender funktioniert, wie jede soziale Rolle, nur in der Kommunikation mit dem sozialen Umfeld. Ich bin die Person, die die Gesellschaft in mir sieht. Ohne die Akzeptanz der Gesellschaft habe ich zwar immer ein Geschlecht (also bestimmte biologische Merkmale) aber kein Gender. Ich kann sozial kein Mann sein, wenn die Gesellschaft mich als Frau definiert und mich als Frau behandelt.

Was die Zuweisung prägt

Ausgangspunkt und für die meisten vermutlich der einzige Faktor für die Zuweisung von Gender zu einer Person ist ihre äußere Erscheinung. Wir entscheiden über das Gender einer Person nach dem, was wir sehen.
Bild "Leseecke/Theorie:wig2.jpg"Das Hauptmerkmal ist der Körper mit seinen äußerlich erkennbaren Geschlechtsmerkmalen. Direkt nach der Geburt ist dieser äußere Anschein das Kriterium, das für die Zuweisung eines Gender sorgt.
Jedoch präsentieren wir uns anderen Menschen nur sehr selten nackt. Wir gestalten unsere äußere Erscheinung durch Kleidung und Styling. Diese Selbstdarstellung als Frau oder Mann wirkt ebenso stark wie der Körper auf die Wahrnehmung der anderen Menschen ein. Wir werden schnell und problemlos als Männer oder Frauen erkannt, weil wir uns als Männer oder Frauen präsentieren, indem wir typische Rollenerwartungen an das Aussehen bedienen. Doch da diese Darstellung meist mit dem Körper parallel geht, fällt sie als eigenständiger Faktor gar nicht auf.

Geschlecht ist mehr als nur der Körper

Bild "Leseecke/Theorie:wig3.jpg"Ebenso wenig fällt auf, dass der Körper nicht der einzige natürliche Faktor ist. Menschen  haben neben dem Körper noch ihre Psyche, die mindestens ebenso wie der Körper ihre Wünsche und Bedürfnisse prägt und sie zu einmaligen Individuen macht.
Die Tücke bei der Psyche ist, dass man sie nicht sehen kann. Es gab zwar in der Vergangenheit verschiedene Versuche, aus dem Äußeren eines Menschen wissenschaftlich auf sein Inneres zu schließen, doch die sind alle gescheitert. Heute wissen, wir: man kann Menschen nicht an körperlichen Merkmalen ansehen, ob sie gut oder böse, klug oder dumm, homo oder hetero sind.
Körper und Psyche beeinflussen sich gegenseitig. Die Erfahrung des eigenen Körpers prägt die Psyche ebenso, wie das Verhalten einer Person den Körper prägt.

Identität: Das Scharnier zwischen Gender und Geschlecht

Bild "Leseecke/Theorie:wig4.jpg"Während in der Fremdwahrnehmung für die Zuweisung des Geschlechts nur sichtbare Fakten eine Rolle spielen, ist die persönliche Entscheidung, welche Rolle man wie darstellen soll, komplizierter, denn hier kommen auch Aspekte zum Zug, die man nicht sehen kann.
Die Identität ist die Vermittlerin zwischen Geschlecht und Gender. Sie beantwortet die Frage „Wer bin ich?“ und berücksichtigt dabei sowohl die natürlichen Gegebenheiten als auch die Anforderungen und Angebote der Gesellschaft, wer wir sein können oder sollen.
Die Identität ist so etwas wie ein Kompromiss zwischen unseren eigenen Bedürfnissen und den Erwartungen der Gesellschaft, die sich in dem Angebot verschiedener sozialer Rollen konkretisieren.
Auf der Ebene der Identität nehmen wird sowohl uns selbst mit unserem Körper und unserer Psyche wahr, also auch die Konzepte der Gesellschaft.
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Dargestelltes Gender: Ausdruck unserer Identität

Die Identität bestimmt, welche sozialen Rollen wir übernehmen können und wollen. Im Ergebnis drücken wir unsere Identität neben den anderen sozialen Rollen auch in unserer Genderrepräsentation aus. Wir zeigen, wer wir sozial sind.

Körper und Psyche prägen die Identität

Bild "Leseecke/Theorie:wig6.png"Neben dem Körper wird die Identität wesentlich von der Psyche beeinflusst, die für die Gesellschaft nicht direkt wahrnehmbar ist, aber die Identität unmittelbar prägt. Wir sind das vom Gender zwar nicht gewohnt, aber warum sollte es hier anders sein, als bei anderen sozialen Rollen. Wir schaffen es ja auch im Laufe eines Tages einerseits Mutter und andererseits Ingenieurin zu sein.

Wenn Körper und Gender unterschiedlich sind

Weil die natürlichen Gegebenheiten komplexer sind, als das vereinfachende kulturelle Modell von Gender, kann es immer mal wieder zu Verwerfungen kommen. Weil diese eher selten sind, führen sie zu Verunsicherungen, wenn Körper und dargestelltes Geschlecht nicht zusammenzupassen scheinen.
Welches Gender soll ich einer Person zuweisen, wenn sie sich als Frau präsentiert, aber einen männlichen Körper hat? Diese Frage wird im Umgang mit Transpersonen immer wieder problematisiert. Dabei ist die Antwort ganz einfach: Das Gender, das sie darstellt! Warum? Weil fast alles dafür spricht!
Für die Zuweisung aufgrund des Körpers spricht lediglich, dass er in bestimmter Weise aussieht. Wie er genau ist und ob seine Beschaffenheit meinen Vermutungen entspricht, kann ich nicht wissen.
Das dargestellte Gender ist in jedem Fall ein bewusster Akt der Person, die mir gegenübersteht. Sie sieht so aus, weil sie so aussehen will. Gerade weil ihr Körper, dessen sie sich mindestens so bewusst ist wie ich, dem zu widersprechen scheint, muss sie starke andere Motive haben, die ihre Entscheidung, so und nicht anders zu sein, geprägt haben. Diese Fakten teilt sie dir mit. Sie hat keine andere Möglichkeit dir besser und authentischer zu sagen, wer sie ist, als darüber, wie sie sich dir präsentiert.
Also vertraue mehr dem, was eine Person dir über sich mitteilt, als dem, was du über sie aufgrund körperlicher Merkmale zu wissen glaubst.

Eckpunkte von Gender

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  • Es ist sinnvoll Geschlecht und Gender klar zu unterscheiden, weil sie jeweils wichtige Phänomene fokussieren. Ohne die Differenzierung zwischen Gender und Geschlecht kann unsere Gesellschaft nicht vernünftig erklärt werden.
  • Gender ist ein Modell für die Wirklichkeit, nicht die Wirklichkeit selbst. Dieses Modell hat vereinfachende Grundannahmen. Die wichtigste bei uns ist: „Jede Person hat eindeutig eines von genau zwei Geschlechtern.“ Solche Vereinfachungen geben die biologische Vielfalt nur unzureichend wieder.
  • Gender beruht im Wesentlichen auf den biologischen Eigenschaften, die mit dem Geschlecht einer Person einhergehen. Jedoch darf man bei der Prägung von Gender durch die Biologie die Komplexität nicht auf die Genitalien reduzieren, sondern man muss sowohl die Psyche als auch mögliche körperliche Uneindeutigkeit als zunächst unsichtbare Faktoren mit bedenken. Natürliche Eigenschaften sind mehr als nur die Genitalien oder der Körper.
  • Daneben gibt es Aspekte von Gender, die rein kulturell bedingt sind und mit der Biologie nichts zu tun haben.  Sie haben ihren Ursprung nicht in der Biologie, sondern in den Erwartungen, die unsere Gesellschaft an die zugewiesene, soziale Geschlechtsrolle hat.
    Einiges von dem, was wir für typisch bzw. angeboren halten, ist rein kulturell bedingt. Ein gutes Beispiel dafür ist z.B. die angeblich "typisch weibliche" Vorliebe für die Farbe Rosa. Viele Experimente haben belegt, dass es sich hier um eine erlernte Präferenz handelt. Stereotype sind in vielerlei Hinsicht selbsterfüllende Prophezeiungen. Aufgrund der erwarteten Eigenschaften werden Erwartungen an das Verhalten und an Fähigkeiten geknüpft, die dann mit der Rolle bedient werden.
  • Seinem Wesen als kultureller Kategorie folgend ist Gender nichts, was automatisch aus einer bestimmten Körperlichkeit folgt.  Zwar werden die beiden Kategorien bei den meisten Menschen parallel gehen, doch muss das nicht zwangsläufig der Fall sein. Ebensowenig, wie die Einteilung in genau zwei soziale Geschlechtsrollen zwangsläufig von der Natur vorgegeben wird.

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© Jula Böge 2016