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Michaelas Philosophie

Für den folgenden Text danke ich Michaela Miro, die ihn mir netterweise für meine Site zur Verfügung gestellt hat. Im Original ist er nicht mehr verfügbar. Der Text beschäftigt sich speziell mit dem Versuch das Phänomen des Transvestitismus zu erklären

Graz, 27. April 2003

Ich wurde schon des öfteren gefragt, ob ich meine Gedanken zu dem Themenkomplex Transvestismus, Soziologie und Ethik nicht auf meiner Homepage ausformulieren könnte. Denn schließlich leben Transvestiten nicht im luftleeren Raum, sondern unter ganz bestimmten sozialen, historischen und kulturellen Rahmenbedingungen. Dieser Text ist ein Versuch, diese Parameter miteinander in Beziehung zu setzen, zu untersuchen, in wie weit Transvestismus einen Sinn innerhalb des sozialen Gefüges besitzt.

Es finden sich hier Gedanken, die ich bereits auf "Wichtige Aspekte meiner Biographie" und "Eineinhalb Jahre Michaela - eine Bilanz" angesprochen habe, diese Arbeit dient dazu, diese zusammenzufassen, zu systematisieren und eventuelle Konsequenzen abzuleiten. Ich möchte hier keine wissenschaftliche Recherche betreiben, sondern genährt aus eigenem Erleben versuchen, einige Grundfragen zu stellen und zu beantworten. Doch bereits die erste Frage: "Woher kommt Transvestismus?", wirft sofort sekundäre Fragen auf. Da diese Frage eine der wohl meistgestellten - von Betroffenen wie von Außenstehenden - ist, ist sie wohl auch so fatal. Denn sie ist der falschen Fragestellung wegen nicht beantwortbar. Das Wort "woher" impliziert, dass Transvestismus eine vom Subjekt losgelöste Sache ist, ein "Ding" oder eine Krankheit, die ohne das Subjekt zu beschädigen wieder entfernt werden könnte. Hier wird also ein Normalzustand vorausgesetzt, der Transvestismus nur als pathologischen Fremdkörper kennt. Wie sehr transvestitische Neigungen mit dem jeweiligen Träger dieser Neigung verwachsen sind wird deutlich, wenn man in die persönlichen Biographien von Betroffenen blickt. Da wird sehr oft ein Kampf zwischen "Ich" und "Es" deutlich, ein fast immer zum Scheitern verurteilter Versuch, sich als Person außerhalb transvestitischer Neigungen zu betrachten. Dass dieser auf Kosten der eignen Psyche geführte Kampf fast immer mit dem Eingeständnis der Akzeptanz endet, löst freilich nicht das Problem, dass Transvestismus im gesellschaftlichen Kontext nach wie vor ein Tabuthema darstellt.
Ich möchte die Frage daher umformulieren zu: "Was drückt sich in transvestitischen Neigungen aus?". Da sich Transvestismus nur gemeinsam mit einer geschlechtsspezifischen Kleiderordnung entwickeln konnte, ist er naturgemäß kulturell bedingt. Und Kulturen schaffen ihre eignen Verhaltensmuster, Symbole und Codes. Die Entwicklung verlief hier freilich nicht bei beiden Geschlechtern parallel, sondern höchst unterschiedlich, wie die Geschichte über die jahrhundertelange Diskriminierung von Frauen bezeugt. Dass sich mit dem gesteigerten männlichen Machtwillen auf der anderen Seite ein immer engeres, auch äußerlich graueres Männerbild entwickelte, ist ebenfalls nicht ohne Tragik, wurden dadurch doch so menschliche Charakteristika wie Fantasie, Gefühlswahrheit und Sensibilität stark in den Hintergrund gedrängt. Die aktuelle weltpolitische Situation zeugt davon.

Dass die gegebenen emotionalen Ressourcen auch im Männlichen zur natürlichen Entfaltung streben, sollte außer Frage stehen, und hier möchte ich mein Hauptargument aufknüpfen: Transvestismus ist eine logische soziale Reaktion auf eine Gesellschaft, die ihr Männerbild über Jahrhunderte mehr und mehr eingeengt hat. In ihm drückt sich das Verlangen nach ganzheitlicher Wahrnehmung und Wahrgenommensein aus. Kann Transvestismus frei und ohne Angst gelebt werden, dann, so erlebe ich es selbst immer wieder, öffnen sich neue Sichtweisen der Umwelt, vor allem aber hinsichtlich der Geschlechterrollen. Dies hat nur am Rande mit sexuellen Aspekten zu tun, wesentlich wichtiger ist die Wahrnehmung von einzementierten sozialen Rollenspielen und -mustern. Oder um es einfacher zu sagen: Transvestismus befreit vom falschen Mannsein. Und das tut außerordentlich gut.

Freilich müssen jetzt nicht alle Männer in Kleider oder Stöckelschuhe schlüpfen (wobei angemerkt werden muss, dass nicht die Kleidung, sondern die Natürlichkeit, sie zu tragen, wesentlich ist). Transvestismus ist eine Facette unter vielen, die kulturellen Grenzen der Geschlechter zu sprengen. Warum tritt Transvestismus aber fast immer trieb-, ja zwanghaft auf? Und wieso ist die Grenze zum Fetischismus so fließend? Hier, so denke ich, sind jene Parameter verantwortlich, die wir über Jahrhunderte als kulturell-historischen Ballast mit uns herumtragen. In triebhaften Neigungen drückt sich zumeist ein Aspekt des kollektiven Unbewussten aus. Gepaart mit den oben angesprochenen Repressalien, die das Männerbild im laufe der Zeit erfuhr, ist klar, dass ein soziologischer Ausbruch daraus nicht nur ein Spiel sondern ein ernst zu nehmender Kampf ist; ein Kampf, der zumeist auf dem Schlachtfeld der eigenen Psyche ausgetragen wird. Denn dort, wo er eigentlich stattfinden sollte, im öffentlichen und medialen Raum, fällt er meiner Erfahrung nach zumeist überraschend einfach und spielerisch aus.

Um hier die Frage: "Was drückt sich in transvestitischen Neigungen aus?" also zusammenzufassen: Ich denke, dass Transvestiten ein notwendiges Korrektiv zu einer Gesellschaft darstellen, die schon viel zu lange an einem konstruiert einseitigen Männerbild arbeitet.

Hier stellt sich nun die Frage nach der Verantwortung, denn eine Neigung damit zu begründen, dass sie ein falsches Gesellschaftsbild in Frage stellt, kann noch keine Rechtfertigung dafür sein, dies auch hemmungslos auszuleben; könnten damit ja praktisch alle Neigungen und Triebe gerechtfertigt werden.
Ich möchte die Frage nach der Verantwortung aufteilen. Es gibt eine Verantwortung mir selbst und eine solche meiner Umgebung gegenüber. Was mich selbst betrifft, so heißt das für mich, meine Neigungen und Sehnsüchte ernst zu nehmen, sie möglichst ehrlich wahrzunehmen und so zu leben, dass ich mich guten Gewissens in den Spiegel schauen kann. Das klingt jetzt einfach und logisch, doch alleine das Wort Transvestit ohne Scham für mich selbst gelten zu lassen, hat mich viel Zeit und innere Widerstände gekostet. Die inneren Blockaden sind oft gewaltig.
Hinsichtlich der Verantwortung der Umgebung gegenüber gelten die üblichen Regeln der Würde und des Respekt allen Menschen gegenüber. Das heißt, dass ich mein Verlagen, mich als Frau zu kleiden und öffentlich zu bewegen, nur soweit ausleben kann, als ich niemand anderen dadurch beeinträchtige. Da für mich der Grundsatz "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar." gilt, habe ich auch kein Problem damit, wenn andere durch mich gestört oder gar verstört werden (was übrigens kaum geschieht und wenn ja, dann ist dies ja gerade der oben angesprochene Effekt der Korrektur der zu engen Geschlechtergrenzen). Eine Frage stellt sich hier jedoch innerhalb einer Partnerschaft. Lebe ich mein Verhalten ohne Rücksicht auf die Wünsche der Partnerin aus, dann darf ich mich freilich nicht wundern, wenn es hier zu ernsteren Störungen kommt. Denn Partnerschaft bedeutet ja immer auch, Verantwortung für den geliebten Menschen zu übernehmen.

Ich bin als Transvestit also genauso stark in den sozialen Raum eingebunden wie allen anderen, egal, ob ich meine Neigung nur zu Hause oder öffentlich auslebe. Mir hat es sehr viel geholfen, mich als Michaela nicht isoliert zu betrachten, sondern selbstbewusst im kulturell-sozialen Rahmen integriert zu wissen. Ob ich mit meinen Gedanken in die richtige Richtung weise, können nur ehrlich geführte Diskussionen und seriöse Untersuchungen beantworten. Wenn ich andere dazu anrege, kritisch über sich und die Umgebung nachzudenken, freut es mich.

© Michaela Miro 2003
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