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Mann? Frau? Erkenntnisse eines Grenzgängers


von Walter H. Greiner, 2004

(Körperlich männlicher Referent in weiblichem Outfit hält Bilderrahmen vor sich:)
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Liebe Mensaner und Gäste,

Nein, ich laufe sonst nicht so herum. Im normalen, bürgerlichen Leben gebe ich mich ganz brav als das, was eine Hebamme vor 55 Jahren in meine Geburtsurkunde geschrieben hat – angesichts eines kleinen, von außen sichtbaren Körperdetails zwischen den Beinen. Ein im wahrsten Sinn des Wortes »kleiner« Unterschied – mit großen Folgen.

Wieso? Ist doch alles ganz einfach, möchte man meinen: es gibt zwei Sorten »Mensch«: männliche und weibliche – erkennbar an eben jener spezifischen Einbuchtung oder Ausstülpung zwischen den Beinen, die den Geschlechtsverkehr und somit unsere Fortpflanzung ermöglicht. Ansonsten sind Männer und Frauen doch sowieso gleich, sind halt Menschen. Und?

Ich entstamme einer sehr prüden, katholischen Familie. Als vierjähriger Steppke sorgte ich für allgemeine Heiterkeit, indem ich unser Hausmädchen Hermine nach deren Rückkehr vom Klo in kindlicher Unschuld fragte: »Hast Bisi gmacht mit deinem Zipferl?« Der Grund des Gelächters blieb mir damals verborgen – niemand hielt es für nötig, mir gewisse Grundtatsachen des Lebens zu erklären. Ich hatte mit meinen zarten vier Jahren außer mir selber noch nie einen anderen Menschen nackt gesehen; folglich ging ich selbstverständlich davon aus, dass jeder Mensch zwischen den Beinen dasselbe haben müsste wie ich. Viele Jahre später musste ich erkennen, dass die allermeisten Leute zeitlebens – analog genauso wie ich als Vierjähriger – in der irrigen Vorstellung leben, alle anderen Menschen hätten zwischen den Ohren dasselbe wie sie.

Ich wuchs also als Junge auf, nur weil ich ein gewisses Körpermerkmal zwischen den Beinen hatte. Dass ich sehr früh zu sprechen begann – früher als meine Schwester, obwohl Jungen normalerweise später zu sprechen beginnen als Mädchen – fiel kaum jemandem auf; auch nicht, dass ich für einen Jungen ein sehr zierliches, stilles, sensibles Kind war, so gar nicht der robuste, vitale Treibauf wie meine Schwester. »Individuelle Unterschiede« hieß es da, am Geschlecht wurde nicht gezweifelt. Und, oh Wunder der Natur: mit 15 Jahren kamen erwarteterweise – wenn auch im Vergleich etwas spät – Bartwuchs und Stimmbruch. Mit diesen weiteren, äußerlich sicht- und hörbaren Geschlechtsmerkmalen sah sich alle Welt (einschließlich meiner eigenen Person) in meiner Einstufung als »männlich« bestätigt.

Nach außen schien alles in Ordnung – in meinem Inneren dagegen wuchs von Jahr zu Jahr eine verzweifelte Unordnung: nach einer trotz äußerlich intakter Verhältnisse für mich schwierigen, schmerzhaften Kindheit läutete die Pubertät eine Hölle von Jugendzeit ein. Schon mit 18 Jahren hatte mir eine für mich unerklärliche Diskrepanz zwischen innerem Sein und äußerem Anspruch so sehr jeglichen Lebensmut geraubt, dass ich mangels verbliebenem Lebenswillen beinahe einer schweren Erkrankung erlegen wäre. Was ich damals noch nicht wusste (für die rationale Erkenntnis brauchte ich noch weitere 20 Jahre): ich bin transsexuell.

Transsexuelle gehören körperlich eindeutig einem Geschlecht an. Aber irgendetwas treibt sie lebenslang dazu, sowohl körperlich als auch sozial dem anderen Geschlecht angehören zu wollen: ein »Mann« will eine Frau sein, eine »Frau« will ein Mann sein. Das verblüffendste dabei: wenn Transsexuelle dieses absonderliche Ziel gegen immense Widerstände und unter riesengroßen Opfern endlich erreicht haben, dann leben die meisten von ihnen tatsächlich weitaus zufriedener – und das dauerhaft, wie wir mittlerweile aus vielen Untersuchungen wissen. Die Frage ist bloß: warum? Oberflächlich gesehen, haben sie doch nur die eine Normalität gegen die andere ausgetauscht, und das auch noch unter Verlust der körperlichen Integrität und der Zeugungsfähigkeit, teilweise zudem unter großen, sozialen Opfern – objektiv und unterm Strich ein Verlustgeschäft, möchte man meinen. Wenn es diesen Menschen trotzdem danach weit besser geht als vorher, dann muss es irgendein unabänderliches, inneres Substrat von Männlichkeit oder Weiblichkeit geben, das äußerlich nicht sichtbar und mit medizinischen Geräten bislang nicht messbar ist. Dieses »Geschlecht zwischen den Ohren« ist dann aber auch für das Selbstverständnis »normaler« Männer und Frauen interessant: weil wir vermuten dürfen, dass es jedem Menschen innewohnt und bei transsexuellen Menschen nur durch den Gegensatz zum körperlichen Geschlecht besonders auffällt.

Ein Psychiater und Psychoanalytiker, der sich in München seit Jahrzehnten speziell um transsexuelle Menschen kümmert, hat mir im Gespräch einmal verraten, was ihn an diesem schwierigen Spezialgebiet so besonders fasziniert: nach seiner Aussage lassen sich fast alle gängigen Theorien über psychische Geschlechtsidentität, über frühkindliche Entwicklung, traumatische Störungen etc. am Beispiel transsexueller Menschen widerlegen. Als erste Eingrenzung des Phänomens möchte ich denn auch schildern, wo die Wissenschaft mit ihren Erklärungen gescheitert ist – was also dieses seltsam eigenwillige »Geschlecht zwischen den Ohren« nicht ist:

Es ist zunächst mal keine rationale Erkenntnis. Wer mit einem Pimmel geboren und als Junge aufgezogen wird, der hat zunächst mal gar keine andere Möglichkeit, als sich rational genauso für männlich zu halten wie jeder andere Junge; das geht auch Transsexuellen so. Und es steckt bei Transsexuellen auch kein Realitätsverlust dahinter, wenn sie irgendwann schließlich doch zu der gegenteiligen Ansicht kommen: zur Diagnose gehört routinemäßig der differentialdiagnostische Ausschluss einer Geisteskrankheit durch einen Psychiater. Wer laut Gutachten transsexuell ist, ist somit nachweislich geistig gesund! Gerade der intakte Realitätsbezug ist es ja, der mich – wie viele andere Transsexuelle – einen großen Teil meines Lebens an der rationalen Erkenntnis meines geschlechtlichen Andersseins gehindert hat.

Ist Transsexualität eine seelische Erkrankung, eine Neurose? Ist es vielleicht eine Folge frühkindlicher Verletzungen, wenn Transsexuelle aus »ihrem« Geschlecht auszubrechen versuchen? Ist das »Geschlecht zwischen den Ohren« bei Transsexuellen also vielleicht doch nur eine Schimäre, eine Störung – ohne gegensinnige Entsprechung bei normalen Menschen?

Ich selber habe in zwei Jahren intensiver Psychotherapie versucht, diese geschlechtliche Irritation »wegzutherapieren«. Die Therapie war sehr erfolgreich, es kam dabei so gut wie alles in Fluss, mein Leben hat sich grundlegend verändert – nur dieser eine, zentrale Punkt, den ich doch eigentlich vorrangig ändern wollte, bewegte sich keinen Millimeter. Ich kam nicht umhin, als Ergebnis meiner jahrelangen Therapie diese Eigenschaft als unveränderbar zu akzeptieren und künftig damit anstatt dagegen zu leben.
Das deckt sich mit den Erfahrungen Anderer: das transsexuelle Syndrom gilt als psychotherapeutisch nicht änderbar. Viele haben es versucht, die Versuche sind durchweg gescheitert. Wenn dem Syndrom ein Trauma zugrunde liegen sollte, dann liegt es jedenfalls so tief, dass es durch eine Psychotherapie nicht erreichbar ist.

Gegen die Theorie einer neurotischen Störung spricht auch der Erfolg des Rollenwechsels: wäre der Wunsch nach Geschlechtswechsel ein neurotisches Symptom, dann wäre nicht zu erwarten, dass die Erfüllung dieses Wunsches Symptomfreiheit zur Folge hat. Bei Neurosen erreicht man auf diese Weise in der Regel nur eine Symptomverschiebung – anschließend geht dasselbe Elend auf irgend einer anderen Bühne weiter, weil mit dem Symptom nur der Leidensdruck oberflächlich ausagiert, aber nicht die tiefere Ursache des Problems bearbeitet wird. Nicht so bei Transsexuellen: die meisten von uns leben nach dem geschlechtlichen Rollenwechsel tatsächlich zufriedener, sozial besser integriert und oft völlig ohne irgendwelchen verbleibenden, chronischen Leidensdruck weiter. Vermutlich hat jeder von Euch gelegentlich schon einzelne Transsexuelle nach deren Rollenwechsel kennengelernt, ohne irgendetwas davon zu ahnen – Ihr habt sie einfach für ganz normale Männer oder Frauen gehalten, die immer schon das waren, als was Ihr sie kennengelernt habt.

Das führt uns zu einer hochinteressanten Frage: was lässt jemanden, der vorher als Mann vor lauter Leidensdruck akut suizidgefährdet war, anschließend in einem Leben als Frau so zufrieden leben, dass all der Leidensdruck einfach wie weggeblasen ist? Ist es der Rock, den die meisten Frauen sowieso kaum noch tragen? Ist es die Anrede als »Frau« statt »Herr«, oder die Möglichkeit, in einer öffentlichen Damen- statt Herrentoilette die Notdurft zu entrichten? Oder der wöchentliche Besuch einer Frauensauna oder eines Damenkränzchens – »women only«? Das alles sind doch nur kulturell geprägte Oberflächlichkeiten, das kann's doch nicht sein! Männer und Frauen essen dasselbe, wohnen in denselben Häusern, sie müssen gleichermaßen mit Erwerbsarbeit ihr Brötchen verdienen. Sie haben weitgehend dieselben Rechte und Pflichten in unserer Gesellschaft; die wenigen, geschlechtsspezifischen Ausnahmen betreffen gerade die Transsexuellen mangels Zeugungsfähigkeit in der Regel nicht mehr. Was also, zum Teufel, unterscheidet das alltägliche Leben eines Mannes von dem einer Frau in unserer Gesellschaft immer noch so grundlegend, dass transsexuelle Menschen diesen Unterschied regelmäßig und dauerhaft als die Rettung aus einer Hölle empfinden?

Einen ersten Hinweis gibt uns die Anrede: buchstäblich jedesmal, wenn wir eine Einzelperson ansprechen oder uns gegenüber Dritten auf sie beziehen, benennen und bestätigen wir explizit das Geschlecht. Entweder wir nennen einen geschlechtsspezifischen Vornamen, oder wir ergänzen den geschlechtsneutralen Nachnamen um den Zusatz »Herr« oder »Frau«. Gegenüber Dritten wird bei jeder Personalreferenz das geschlechtsunterscheidende »er« oder »sie« gebraucht, geschlechtsspezifisch auch in allen Deklinationsformen, damit nur ja nirgendwo die Frage des Geschlechts offen gelassen wird. Soweit wir im Rahmen unserer Sprache überhaupt anders können, gilt alles andere – z.B. die Nennung beim Nachnamen ohne »Herr« oder »Frau« – als ausgesprochen unhöflich. Das ist nicht nur in der deutschen Sprache so, sondern in Grundzügen in allen menschlichen Sprachen. Viele Sprachen konjugieren sogar Verben geschlechtsspezifisch: demnach ist es zumindest sprachlich nicht dasselbe, ob ein Mann oder eine Frau dasselbe tut. Kurz: es ist uns ausgesprochen wichtig, im Alltag geschlechtsspezifisch angesprochen zu werden; denn Sprachgewohnheiten sind sozusagen der demokratischste Ausdruck dafür, wie die Bevölkerung die Realität sieht. Sprache wird ja – mit Ausnahme vereinzelter, politischer »Sprachregelungen« – nicht von oben diktiert, sondern durch den alltäglichen Sprachgebrauch der Bevölkerung festgelegt: was die Mehrheit sagt, gilt irgendwann als sprachlich korrekt.

Psychologische Studien bestätigen diese Wichtigkeit der Geschlechtsunterscheidung im Alltag. Begegnen wir einer uns noch fremden Person, dann ist das Geschlecht das allererste, was wir vor allem Anderen bereits in den ersten Zehntelsekunden der Begegnung abchecken. Können wir diese Frage nicht sofort eindeutig klären, oder täuschen wir uns gar in dieser ersten Einschätzung, dann fühlen wir uns gegenüber der betreffenden Person zutiefst verunsichert. Wenn Euch mein Auftreten hier im ersten Moment absonderlich, unpassend oder gar peinlich vorkam, dann ist das Ausdruck eben dieser Verunsicherung: ich strahle in dieser Aufmachung gegensätzliche, geschlechtliche Signale aus. Obwohl diese Zwiespältigkeit in meinem persönlichen Fall sogar der inneren Realität entspricht und insofern nichts weiter als ehrlich ist, darf ich das nach allgemeingültigen, menschlichen Verhaltensregeln einfach nicht tun. In diesem sozialen Rahmen hier genügte es noch, die anfängliche Verunsicherung in dem kleinen Scherz mit dem Bilderrahmen abzuleiten; in der U-Bahn nach 10 Uhr abends würde ich mit demselben Auftreten sehr real meine Gesundheit riskieren, weil speziell Teile der männlichen Bevölkerung auf eine solche Verunsicherung prompt mit aggressiven Pöbeleien und tätlicher Aggression reagieren. Wenn ich in einem solchen Umfeld als Frau auftrete, muss ich – anders als hier – sorgfältigst darauf achten, dass ich auch wirklich dezent und glaubhaft als Frau wirke und nur ja nichts männliches erkennen lasse – nur dann habe ich eine Chance, dass man mich in Ruhe lässt.

In gehobener Gesellschaft oder unter Frauen brauche ich so drastische Reaktionen nicht zu befürchten. Aber auch da wird eine nicht eindeutige Einordnung in das gängige, duale Geschlechterbild moralisch bewertet und verurteilt – nur die Form ist subtiler. Als ich mich zum Beispiel in einer Selbsterfahrungsgruppe explizit als transsexuell vorstellte – genauso offen und selbstverständlich, wie sich alle anderen Teilnehmer als Männer oder Frauen vorstellten – bekam ich später von einer der Frauen in leicht vorwurfsvollem Ton zu hören, das sei ja durchaus okay – aber ich müsse das doch nicht gleich so »hinausschreien«. Wenn ich also schon nicht in eine der beiden, üblichen Schubladen passe, dann soll ich, bitteschön, den Mund halten und diese grundlegende Eigenschaft vor den Anderen verbergen… Schön und recht, als umgänglicher Mensch passe ich mich ja gerne um des lieben Friedens willen an soziale Normen an, das bin ich auch vom Alltag her sehr gewöhnt – bloß: was sollte ich mit einer derart maskierten Haltung ausgerechnet in einer Selbsterfahrungsgruppe?

Warum ist uns die Frage des Geschlechts überhaupt so wichtig, dass wir das schon im allerersten Moment einer Begegnung abchecken? Was für Folgen hat es, wenn wir als Mann oder Frau eingeordnet werden bzw. unsere Mitmenschen einordnen? Wenn’s eh keinen Unterschied macht, könnte es uns ja egal sein – das ist es aber offensichtlich nicht…

Die geschlechtlichen Unterschiede im Umgang miteinander sind subtil, aber vielfältig und allgegenwärtig. Nehmen wir als Beispiel eine Begegnung mit einem fremden Menschen auf dem Bürgersteig – ich zunächst mal als Mann. Die Entgegenkommenden sehen mich schon aus weiter Entfernung – und sofort ordnen sie mich als Mann ein. Das hat Folgen: die entgegenkommenden Frauen gucken anschließend überall hin, nach links, nach rechts, nach oben, zu Boden – nur eines tun sie nicht: mich anschauen. Ich bin ja ein Mann, und ein Blickkontakt könnte als Aufforderung zu einem Anbandelungsversuch missverstanden werden… Wenn eine Frau mich in dieser Situation überhaupt anschaut, dann guckt sie auf die Schuhe. Frauen gucken gerne auf Männerschuhe – weiß der Teufel, was die an unseren Quadratlatschen so toll finden; kein Mann käme auf die Idee, anderen Männern ausgerechnet auf die Schuhe zu gucken. Und wenn ich da nun frech bin und in Pumps herumlaufe, obwohl ich ansonsten männlich erscheine – dann, und nur dann kriege ich ab und zu auch mal noch einen kurzen, verstohlenen Blick aus der Nähe ab.

Entgegenkommende Männer schauen mich auch schon mal an: aber nur zufällig, beiläufig, kurz. Einerseits weichen Männer nicht dem Blick aus, wie es Frauen gegenüber Männern tun. Andererseits bin ich aber als Mann für die meisten Männer uninteressant – ihr Blick trifft mich eben bloß zufällig, er verweilt nicht, nimmt keinen Kontakt auf, er streift mich nur mal eben. Als Mann gehe ich durch eine fremde Menschenmenge – Männer und Frauen –, als ob ich mutterseelenallein wäre. Nein – nicht nur »als ob«: ich bin mutterseelenallein. Obwohl jede Menge Menschen um mich herum sind, nimmt niemand Notiz von mir als Person, solange ich nicht aktiv auf jemanden zugehe und mich erst mal dafür entschuldige, dass ich in diesem einen Ausnahmefall die gläserne Wand durchbreche. Und wenn ich das tue, steht im Gesicht der angesprochenen Person erst mal Skepsis bis Ablehnung zu lesen: was will der jetzt von mir, will der mich anschnorren oder anmachen, wie halte ich den jetzt auf Abstand, wie werde ich den schnellstmöglich wieder los… Erlaubt ist für einen Mann eigentlich nur, fremde Personen nach dem Weg zu fragen: alles andere ist schon von vornherein suspekt: marsch, zurück hinter deine gläserne Wand, wieder zurück in die urbane Einsamkeit mitten unter tausend Menschen.

Völlig anders stellt sich die Situation dar, wenn ich als Frau unterwegs bin: ich staune auch nach 15 Jahren seit Bewusstwerden meiner Veranlagung immer noch bei jedem Rollenwechsel darüber, was für ein radikal anderes Lebensgefühl das ist! Da kriege ich plötzlich von beiden Geschlechtern interessierte Blicke auch aus der Nähe – bei Männern bin nun ich diejenige, die den Blickkontakt meidet, aber ich spüre natürlich die Blicke – da lächeln mich andere Frauen einfach mal aus unmittelbarer Nähe an, da gehen beim Einkaufen spontane Kommentare zu irgendwelchen Sachen oder Vorgängen zwischen mir und irgendwelchen, wildfremden Frauen hin und her. Plötzlich werde ich in der Menge als Person wahrgenommen, ich bin nicht mehr bloß Luft, die gläserne Wand ist weg, die Skepsis ist weg, ich bade regelrecht in Blicken und Kurzkontakten und Smalltalks. Es ist ungefähr derselbe Unterschied, wie wenn ich als Mann aus der Anonymität einer fremden Fußgängerzone plötzlich in eine große Party komme, in der ich die meisten Leute wenigstens schon mal flüchtig kennengelernt habe.

Frauen wundern sich oft darüber, dass Männer so ungern fremde Leute nach dem Weg fragen. Angeblich fährt ein Mann am Steuer lieber fünfmal im Kreis herum und anschließend unverrichteter Dinge wieder nach Hause, weil es angeblich unter seiner Würde ist, jemanden zu fragen, oder weil er angeblich zu stolz ist, um zuzugeben, dass er etwas nicht weiß. Dabei ist der Grund für diesen Unterschied ganz simpel: kaum eine Frau kann sich vorstellen, wie das für einen Mann ist, wenn er bei einem wildfremden Menschen erst eine gläserne Wand aus gezielter Ignoranz und dann noch eine zweite Mauer aus ablehnender Skepsis durchbrechen muss, nur um als fremder Mann seine bescheidene Frage nach dem Weg überhaupt mal zu Gehör bringen zu dürfen. Das hat tatsächlich etwas Entwürdigendes an sich… Frauen werden mit solchen, entwürdigenden Barrieren nicht konfrontiert, die kennen das überhaupt nicht, die gucken einfach ohne Umschweife der nächstbesten Person ins Gesicht und fragen – und können deshalb schwer nachvollziehen, warum Männer sich da so anstellen. Das ist nur eines von unzähligen Beispielen, die sich an dieser Stelle anführen ließen; eine Frau lebt im Alltag in einem völlig anderen, sozialen Klima als ein Mann. Den meisten Menschen wird das nur nicht bewusst, weil sie es nie von der anderen Seite her erleben.


Woran erkennen wir nun eigentlich, ob es sich bei einem zufälligen Gegenüber um einen Mann oder um eine Frau handelt? Das ist nicht so trivial, wie man zunächst meinen möchte: die Hebammenmethode – Schwänzchen oder nicht – funktioniert nur am Nacktbadestrand, und selbst da nur von vorne. Auch die sogenannten, sekundären Geschlechtsmerkmale – Brüste, Bart, Stimmlage – sind in der typischen Situation einer anonymen Begegnung in der Mehrzahl der Fälle nicht erkennbar. Und die Kleidung ist jedenfalls in unserer westlichen Kultur längst nicht mehr so geschlechtsspezifisch, dass man daran auf den ersten Blick Männlein und Weiblein unterscheiden könnte.

Wir Transsexuelle sind Spezialisten für diese Frage, weil es uns ein substanzielles Bedürfnis ist, in den Augen unserer Mitmenschen wenigstens zeitweise im anderen Geschlecht identifiziert zu werden. Was also tue ich als Mann-zu-Frau-Transsexuelle, um anstatt für einen Mann für eine Frau gehalten zu werden? Worauf kommt es dabei an?

Das Wichtigste Utensil ist die Perücke. Sobald ich die abnehme, kann ich ansonsten noch so hohen Aufwand treiben und perfekteste, körperliche Weiblichkeit imitieren – ich werde trotzdem ausnahmslos und sofort als Mann identifiziert. Die hohe Stirn, meine schon wegen des unweiblichen Haarmangels männlich anmutende Frisur, dazu meine männlich-kantige Physiognomie, die ich nun mal bei unseren westlichen Kleidungskonventionen nicht verbergen kann: das alles zusammen wird so klar als männlich empfunden, dass alles andere daneben keinerlei geschlechtsbestimmende Bedeutung mehr hat.

Die Nummer zwei in der Rangfolge, die ich im Moment vernachlässigt habe: der Bartschatten darf nicht sichtbar sein. Die meisten Mann-zu-Frau-Transsexuellen lassen sich deshalb mit immensem Aufwand das Gesicht epilieren. Ich habe das nicht gemacht, weil mir sowohl der finanzielle als auch der zeitliche Aufwand dafür bisher zu groß war. Um trotzdem als Frau »durchzugehen«, müsste ich mir jetzt eigentlich das Gesicht millimeterdick zuspachteln. Solange man den Bartschatten sieht, werde ich zumindest aus der Nähe doch immer wieder als angeblich »ver-kleideter« Mann erkannt, da mag alles andere noch so perfekt sein.

Nummer drei: der Adamsapfel muss kaschiert werden. Irgendein Halstuch, oder ein hoher Rollkragen... Sobald ich den Hals frei zeige, ist es wiederum aus mit der weiblichen Identifikation.

Das sind die »Basics« – und sie haben alle eine gemeinsame Grundlage: es darf möglichst keinerlei männliche Körperlichkeit erkennbar sein. Männliche Körpermerkmale haben bei der menschlichen Geschlechtserkennung eine höchst dominante Wirkung, sie überrennen alles andere. Weibliche Geschlechtsmerkmale haben demgegenüber nur eine ausgesprochen schwache, geschlechtliche Identifikationswirkung; es ist nahezu wirkungslos, sie dagegen zu setzen. Ein Mensch mit einem als männlich erkennbaren Kopf und gleichzeitig weiblichen Brüsten wird auch bei entblößtem Oberkörper nie spontan als »Frau mit komischem Kopf«, sondern ausnahmslos immer als »Mann mit sonderbarer Brust« gesehen. Umgekehrt kann sich ein Mensch mit muskulöser, flacher, stark behaarter Brust und breiten Schultern ruhig eine Damenperücke aufsetzen, die Augenbrauen zupfen und die Lippen schminken – er wird trotzdem sofort und zuverlässig als Mann erkannt und der »weibliche« Kopf alsMimikry enttarnt. Es ist also nicht etwa der Kopf, der bei der Identifikation den Oberkörper dominiert, sondern tatsächlich das männliche Körpermerkmal, das das gleichzeitig vorhandene, weibliche zur Bedeutungslosigkeit degradiert – gleichgültig, an welcher Stelle des Körpers.

Aus eben diesem Grund haben die meisten Mann-zu-Frau-Transsexuellen enorme Probleme, im Alltag auch tatsächlich als weiblich erkannt zu werden – und nicht nur als »verkleideter« Mann, der allenfalls in seiner gewünschten Rolle sozial toleriert, aber eben nicht wirklich als Frau empfunden wird. Unseren größeren Kopf, die kantigen Gesichtszüge, die Körpergröße, die großen Hände und Füße und die männliche Stimmlage können wir nicht verbergen. Selbst wenn wir mit all diesen Merkmalen noch im Bereich der geschlechtlichen Überschneidung liegen, bewirken sie in ihrer Summe eben doch einen solchen Identifikationsdruck in Richtung männlich, dass alle dagegengehaltene, weibliche Symbolik letztlich wirkungslos bleibt.

Bei Frau-zu-Mann-Transsexuellen – also Frauen, die sich als Mann fühlen und als solcher leben wollen – ist die Situation völlig anders. Die bekommen unter dem Einfluss männlicher Hormone Bartwuchs und Stimmbruch und brauchen dann außer dem simplen Weglassen weiblicher Symbolik im Outfit buchstäblich nichts weiter zu tun, um im Alltag prompt und zuverlässig als Männer identifiziert zu werden. Dass die Existenz von Frau-zu-Mann-Transsexuellen – es gibt davon nahezu genauso viele wie Mann-zu-Frau – vielen Menschen überhaupt nicht bewusst ist, liegt an dem guten »Passing«, wie wir sagen: an der problemlosen Identifikation im Wunschgeschlecht. Die Leute merken einfach nicht, dass da körperlich eine Frau vor ihnen steht. Nicht einmal die Brüste braucht sich ein Frau-zu-Mann-Transsexueller entfernen zu lassen, obwohl das die meisten von ihnen natürlich tun; ein weites Herrenhemd, das die weibliche Brust nicht noch extra betont, genügt schon völlig für eine ungestörte Identifikation als Mann. Auch hier zeigt sich wieder deutlich die Dominanz männlicher Körpermerkmale bei der Geschlechtserkennung: wo mit Bart und Stimmlage eindeutig männliche Körpermerkmale wahrnehmbar sind, können all die anderen, in die weibliche Richtung zeigenden Merkmale wie geringere Größe, kleine Hände und Füße, kleiner Kopf mit weicheren Gesichtszügen, schmalere Schultern, weibliche Brustkonturen, breitere Hüften und so weiter die automatische Identifikation als Mann nicht mehr ins Wanken bringen. Nur eines fällt den Leuten beim näheren Kennenlernen immer wieder auf: Frau-zu-Mann-Transsexuelle wirken 10–20 Jahre jünger, als sie sind – das weitgehende Fehlen männlicher Gesichtszüge etc. wird hier nämlich nicht als Zeichen von Weiblichkeit gesehen, sondern zu »Jugendlichkeit« uminterpretiert, um die bereits spontan stattgefundene Einordnung der Person als Mann nicht zu gefährden. Umgekehrt wirken Mann-zu-Frau-Transsexuelle, denen eine weibliche Identifikation im Alltag gelingt, regelmäßig um mindestens zehn Jahre älter, als sie tatsächlich sind – analog aus demselben Grund.

Dieses Um-Interpretieren offensichtlicher Tatsachen gehört immer wieder zu den verblüffendsten Erfahrungen, die wir Transsexuelle im Alltag machen: es ist wirklich schwer zu glauben, in welchem Ausmaß die Leute nicht das sehen, was Sache ist, sondern das, was sie zu sehen erwarten. Im allerersten Moment des Kontakts haben die Leute uns bereits anhand eines summarischen, äußeren Eindrucks geschlechtlich eingeordnet; diese erste Einordnung erweist sich anschließend immer wieder als außerordentlich stabil und ist nur noch sehr schwer umkehrbar. Wo Tatsachen unübersehbar dagegen sprechen, wird erst alles versucht, das Offensichtliche durch Uminterpretation zu negieren, um das einmal gefasste Urteil trotzdem aufrecht erhalten zu können. Wir Menschen neigen sichtlich dazu, die Realität nur noch durch entsprechende Filter wahrzunehmen, sobald wir uns erst einmal auf eine Meinung festgelegt haben.

Frau-zu-Mann-Transsexuelle haben also nach der Veränderung ihres Körpers ausgesprochen wenig Probleme mit ihrem »Passing«. Um so größere Probleme damit haben sie aber, solange sie noch nicht durch männliche Hormone körperlich verändert sind. Genauso, wie männliche Körpermerkmale unsere Geschlechtserkennung selbst dann in Richtung »Mann« triggern, wenn sie nur sehr unvollständig vorhanden sind, triggert das völlige Fehlen männlicher Merkmale bei einem erwachsenen Menschen unsere Geschlechtserkennung in Richtung »Frau«. Es ist so ähnlich wie bei der Geschlechtsdifferenzierung in der embryonalen Entwicklung: »Frau« ist sozusagen der Default-Zustand, der sich automatisch einstellt, wenn nichts Männliches vorhanden ist – unabhängig davon, ob spezifisch Weibliches vorliegt oder nicht. Sobald aber etwas spezifisch Männliches vorhanden ist, kippt die Sache komplett in Richtung »Mann« – auch entgegen etwa vorhandener, weiblicher Merkmale.

Da also Weiblichkeit in unserer Wahrnehmung – etwas überspitzt gesagt – nicht durch das Vorhandensein weiblicher Körperlichkeit definiert ist, sondern durch das Fehlen männlicher Körpermerkmale, kompensieren Frauen diesen Mangel an eigenständiger Geschlechtsdefinition durch eine Vielzahl kulturell vereinbarter Weiblichkeitssymbole. Während bei nahezu allen Männern die Natur für völlig zweifelsfreie Geschlechtsidentifikation sorgt, lässt die Natur da bei Frauen relativ häufig Zweifel aufkommen: denn schon ein recht zarter Anflug von Männlichkeit wie etwa ein Damenbart und eine besonders tiefe Stimme, oder ein kantiges Gesicht und eine extreme Körpergröße verschiebt die Balance so stark in Richtung Mann, dass auch ein ansonsten klar weiblicher Körper nicht mehr in jedem Fall die prompte, soziale Wahrnehmung als Frau gewährleisten kann. In diesen, nun tatsächlich etwas »wackeligen« Fällen sorgen Weiblichkeitssymbole wiederfür die gesellschaftlich gebotene Eindeutigkeit.

Was als Symbol von Weiblichkeit gilt, ist kulturell festgelegt und somit auch von Kultur zu Kultur verschieden, teilweise sogar gegensätzlich. Allen menschlichen Kulturen scheint aber gemeinsam zu sein, dass es jeweils eine ungeheure Vielzahl an Weiblichkeitssymbolen gibt – und demgegenüber nur sehr wenige, eindeutige Symbole von Männlichkeit. Der Versuch – wie jahrzehntelang durch den Feminismus geschehen – den Gebrauch von Weiblichkeitssymbolen zu eliminieren, mag vordergründig ein paar Einzelerfolge zeitigen. Aber das bleiben Pyrrhus-Siege; längerfristig macht man die Erfahrung, dass wie bei der Hydra drei neue Köpfe nachwachsen, wo man gerade einen abgehackt hat. So klar auch jedes einzelne Weiblichkeitssymbol kulturellen Ursprungs sein mag – die Tatsache seiner immer wieder neuen Erfindung weist auf ein tiefer in der menschlichen Natur verankertes Bedürfnis hin.

Sehen wir uns die gegenwärtig in unserer Kultur gültigen Weiblichkeitssymbole genauer an: da wäre zunächst mal die Kleidung. Rock oder Kleid versus Hose ist das klassische Beispiel. Aber auch die Damenhose dient bei genauerer Betrachtung als Weiblichkeitssymbol: sie ist auf typische Weise anders geschnitten und aus anderen Materialen gefertigt als eine Männerhose. Ebenso das Hemd: während ein »anständiges« Männerhemd eine Knopfleiste vorne, einen umgeschlagenen Kragen, eine Brusttasche links und lange oder kurze Ärmel hat und aus festem, allenfalls dezent gemustertem Stoff in weiß oder gedeckten Farben besteht, hat eine Damenbluse mal Rüschen, mal Spitzen, mal Glitzer-, Tüll- oder Perlenapplikationen, mal Vorder-, mal Rückenverschluss, mal Ausschnitt vorne, mal Ausschnitt hinten, mal V-Ausschnitt, mal runden Ausschnitt, asymmetrischen Ausschnitt, Carmen-Ausschnitt, eine Kapuze, lange Ärmel enganliegend, lange Glocken- oder Trompetenärmel, Puffärmel, 3/4-, halb- oder viertellange oder gar keine Ärmel, weiten oder körpernahen oder gerafften Schnitt, Taillenlänge, bauchfreie Länge, Bauchabschluss zum Wickeln, dichten, durchsichtigen, glatten, durchbrochenen, teilweise unterlegten, festen oder elastischen, gerippten, grobgestrickten oder plüschigen Stoff, rosa, schwarze, grüne, knallrote oder neongelbe Farbe oder Farben wie »apricot« oder »zartflieder«, die noch nicht mal im männlichen Wortschatz vorkommen, Blümchenmuster, Wölkchen, Kringel, einen aufgestickten Schwan…

Das allermeiste von all dem ist einem Mann schlicht verboten zu tragen: denn »Weiblichkeitssymbol« bedeutet, dass es an einem Mann als »falsch«, weil geschlechtlich widersprüchlich empfunden wird. »Tuntig« ist unser spezifischer Ausdruck dafür, der zugleich moralisch wertet und verurteilt: ein Mann beschädigt seine Männlichkeit und Würde, wenn er sich mit so etwas blicken lässt. Da aber so gut wie alles, was sich an Kleidung theoretisch irgenwie denken lässt, mit nur wenigen Ausnahmen den Stempel »women only« trägt, bleibt einem Mann im Grunde nur noch eine Art Männeruniform, festgelegt in jeweils nur einer Handvoll Schnitten, Mustern, Farben und Stoffqualitäten, die einem Mann zu tragen erlaubt sind. Eigentlich könnte man es auch umgekehrt ausdrücken: alles, was nicht explizit für Männer erlaubt ist, gilt als Weiblichkeitssymbol und ist für Männer automatisch tabu. Das wenige, was Männern explizit erlaubt ist, ist deswegen aber noch lange kein exklusives Männlichkeitssymbol: eine Frau darf selbstverständlich auch eine typische Herrenhose oder ein Herrenhemd tragen, ohne ihre weibliche Würde zu beschädigen, allenfalls die Krawatte gibt einer Frau einen gewissen, männlichen Haut Gout. Den Tunteneffekt, für den ein Mann nur blind in die nächstbeste Grabbelkiste in der Damenabteilung eines Kaufhauses zu greifen braucht, kann eine Frau mit männlicher Kleidung selbst bei allergrößter, gezielter Bemühung nicht erreichen – dazu müsste sie sich schon einen Schnurrbart ankleben oder auf folkloristisch-veraltete Kleidungsstücke wie eine bayerische Lederhose zurückgreifen, in denen sich heute auch ein Mann fast überall blamieren würde. Und so hat unser vorhin beschriebener Frau-zu-Mann-Transsexueller vor der Hormontherapie ein Riesenproblem: er findet kaum etwas, mit was er Männlichkeit demonstrieren könnte.

Das ist nicht nur bei der Kleidung so: auch Schmuck und sonstige Accessoires unterliegen denselben Gesetzen. Während bei einer Damentasche der Fantasie keinerlei Grenzen gesetzt sind, darf eine Herrentasche jede Form und Farbe haben, wenn sie nur rechteckig und schwarz, dunkelgrau oder braun ist.
Und selbstverständlich dürfen Männer heutzutage auch Schmuck tragen: einen klobigen Ring am Ringfinger und einen ebensolchen im Ohrloch links – um Gottes Willen nicht beidseitig, das ist dann schon wieder schwul oder Schlimmeres. Und alles, was gar an einem Männerohr glitzert oder herumbaumelt, ist schon wieder der Gipfel der Perversion, ein überm Hemd umgebundener Büstenhalter könnte einen Mann kaum schlimmer desavouieren… Selbst das einfache Goldkettchen um den Hals entlarvt den Mann in Gesellschaft wenn schon nicht zur Tunte, so doch zum Proleten: an sich zwar harmlos, dokumentiert es im Moment des Sichtbarwerdens den Verstoß gegen das strikte Verbot, als Mann in Gesellschaft auch nur wenige Quadratzentimeter nackte Brust zur Schau zu stellen.

Womit wir beim Thema Haut wären: während eine Frau in Gesellschaft außer Brustwarzen und Schambereich fast alles – wenn auch nicht alles gleichzeitig – nackt oder durchsichtig verhüllt zeigen darf, hat ein Mann außer Kopf, Hals und Händen jegliche Haut zu bedecken. Und ein Mann, der sein Geschlechtsteil mittels Spezialumhüllung derart aufdringlich zur Schau stellen würde, wie es viele Frauen in Gesellschaft mit ihren Brüsten zu tun pflegen, der würde unweigerlich von der Polizei abgeholt und wegen Exhibitionismus und Erregung öffentlichen Ärgernisses vor einen Strafrichter zitiert.

Aber auch die weibliche Freiheit hat ihre Grenzen. Es ist nämlich keineswegs so, dass Frauen Weiblichkeitssymbole und nackte Haut in beliebiger Kombination zur Schau stellen dürften. Die Variationsbreite des weiblichen Outfits ist zwar nahezu grenzenlos, aber die Summe geschlechtlicher Selbstdarstellung darf dabei bestimmte, je nach Alter und Typ unterschiedlich enge Grenzen nicht überschreiten. Genauso, wie ein Mann schon mit einem Goldkettchen auf der behaarten Brust ein Zuviel an Männlichkeit demonstriert und deshalb als Prolet – oder in der Steigerungsform gar als »Zuhältertyp« – verurteilt wird, läuft auch eine Frau mit einem Zuviel an weiblicher Zurschaustellung Gefahr, als »aufgetakelt« oder »nuttig« abgeurteilt zu werden. Generell erlaubt ist gerade so viel wie nötig, um auf den allerersten Blick unzweifelhaft geschlechtliche Eindeutigkeit herzustellen. Da das beim Mann i. d. R. schon von Natur aus gewährleistet ist, ist bei ihm nahezu allesan expliziter, männlicher Zurschaustellung auch schon »zuviel« – er hat deswegen auch kaum Gelegenheit, überhaupt irgendetwas als Männlichkeitssymbol für sich zu reservieren. Frauen dagegen machen von weiblicher Symbolik wie von der Zurschaustellung ihres Körpers regen Gebrauch – entsprechend vielfältig sind die Gegenstände und Formen exklusiv weiblicher Selbstdarstellung. Aber auch bei ihnen wird das Maß an demonstrierter Geschlechtlichkeit innerhalb recht enger, sozial vorgegebener Grenzen je nach Situation fein abgestimmt…


Geschlechtliche Selbstdarstellung ist eine Verhaltensform. Wir neigen heute – nach jahrzehntelanger, feministischer Agitation – dazu, jede Form geschlechtsspezifischen Verhaltens mit dem Bannwort »Klischee« zu belegen. Wieviel diese Haltung wert ist, stellen wir Mann-zu-Frau-Transsexuelle immer mal wieder amüsiert fest, wenn uns angeblich progressiv denkende Leute einerseits aufgrund unserer äußeren Erscheinung spontan nicht als Frauen empfinden können, andererseits dann aber wegen des Eigenanspruchs der Toleranz gegenüber Transsexuellen in Erklärungsnöte geraten: »Ich kann dich nicht als Frau empfinden, weil…« Ja. weil was? Dass es die zu lange Nase, das zu kantige Kinn, die zu tiefe Stimme und die zu großen Hände sind, kann man als moderner, aufgeklärter Mensch ja nicht zugeben – nicht vor sich selbst und erst recht nicht vor Anderen, so primitiv körperfixiert denkt man ja nicht, Gott bewahre…

Aber irgendwo bleibt da eben doch ein schräges Gefühl im Umgang mit dieser Person, die wie ein Mann aussieht, aber so gerne als Frau gesehen werden möchte. Also fängt man an, nach alternativen Erklärungen zu suchen: »Ich kann dich nicht als Frau empfinden, weil du im Streit so aggressiv die Stimme erhebst.« Oder »weil du dich ums Geschirrabspülen drückst«. Oder »weil dir dein Auto so wichtig ist«. Jede moderne, emanzipierte Frau würde unter Schreikrämpfen davonlaufen, wenn man ihre Weiblichkeit in Frage stellen würde, nur weil sie sich verbal auch mal mit Lautstärke durchsetzt, Küchenarbeit verabscheut und stattdessen lieber Auto fährt. Genau diese uralten und allerdümmsten Klischees werden aber ausgerechnet von den angeblich progressivsten Leuten uns gegenüber regelmäßig wieder ausgegraben. Die angebliche Gleichheit von Mann und Frau ist hauchdünnes, ideologisches Eis, in das ihre Verfechter prompt selber einbrechen, sobald ein transsexueller Mensch die Bühne betritt und die gewohnten Vorstellungen von Mann und Frau mal ein bisschen durcheinanderbringt.

Schon beim Kleidungsverhalten wird mit etwas Überlegung klar, dass gleiche Kleidung bei beiden Geschlechtern einfach schon von der Natur her nicht zu erwarten ist: die Körper sind unterschiedlich. Damit meine ich nicht nur die unmittelbar einzuhüllenden Körperformen – klar, dass ein Mann keinen BH trägt, wo es bei ihm nichts zu halten gibt. Aber schon derselbe Stoff ist für Männer und Frauen nicht derselbe: Frauen haben nämlich eine ziemlich andere Haut als Männer, mit einer dünneren Hornhautschicht, dafür einem dickeren Unterhautfettgewebe und mit erheblich mehr Tast- und Wärmerezeptoren pro Fläche. Weibliche Haut ist folglich empfindsamer und hat einen deutlich anderen Wärmehaushalt als männliche – deshalb fühlt sich ein und derselbe Stoff für eine Frau anders an als für einen Mann. Frauen haben eine andere Verteilung der Sehzäpfchen im Auge, sie sehen im Sehzentrum etwas weniger scharf, dafür in der Peripherie des Sichtfelds und im Dunkeln deutlich besser als Männer – dieselbe Farbe und Form, dasselbe Muster ist für sie nicht dasselbe wie für einen Mann. Dazu kommen all die geschlechtlich unterschiedlichen, sozialen Funktionen und Bedeutungen der Kleidung, die teils auch wieder in unserer »Hardware« ihren Ursprung haben; unser Exkurs über weibliche Geschlechtssymbole hat dieses Feld schon ein wenig beleuchtet. Was Wunder, dass Männer und Frauen ein so spezifisch unterschiedliches Kleidungsverhalten zeigen…


Bei keinem anderen Säugetier unterscheiden sich die Geschlechter so stark und in so vielen Punkten wie beim Menschen. Da bei gleicher Lebensweise auch der Evolutionsdruck in dieselbe Richtung weist, können und müssen wir davon ausgehen, dass beim Menschen über lange Zeit seiner Entwicklung die Geschlechter in besonderem Ausmaß unterschiedlich gelebt und sich unterschiedlich ernährt haben. Es bleibt zwar Spekulation, aber die körperlichen Unterschiede bei Mann und Frau legen den Schluss nahe, dass die Frauen über sehr viele Generationen hinweg eher stationär als Sammler mit den Kleinkindern zusammen in Gewässernähe gelebt haben, während die Männer in kleinen Horden weite Strecken zurücklegten, um sich vorwiegend von der Jagd auf Tiere zu ernähren. Die meisten unserer sekundären Geschlechtsmerkmale machen so aus der Sicht der Evolution einen »Sinn« – oder wissenschaftlich korrekter gesagt: es ist unter dieser Voraussetzung gutnachvollziehbar, wie sie entstanden sein könnten. Etwa die Stimme: Männer mussten sich mit ihrer Stimme bei der Jagd über relativ weite Entfernungen verständigen können, das war mit tieferen Frequenzen besser möglich. Für Frauen war dieser Aspekt dagegen unwichtig, für sie stand die Sprachvermittlung an Kleinkinder im Vordergrund, die besser funktioniert, wenn beide Seiten annähernd denselben Frequenzbereich nutzen. Also behielten sie ihre helle Stimme.


Was unsere Gefühle und unsere Triebstruktur angeht, neigen wir heute mehrheitlich zu der Ansicht, das seien primitive Relikte aus unserer tierischen Vergangenheit, denen wir durch unsere Großhirnfunktionen weitgehend entwachsen seien. Nach meiner Überzeugung ist das ein Trugschluss, zu dem uns unsere sprachliche Kommunikation verführt hat.

Das Großhirn ist Sitz unserer Sprache, unseres logischen Denkens und Bewusstseins, unserer konkreten Erinnerungen und Assoziationsketten. Während bei Tieren mit wenig ausgeprägtem Großhirn die in entwicklungsgeschichtlich älteren Hirnarealen beheimateten Triebstrukturen mehr oder weniger ungefiltert im Verhalten zu Tage treten, wird bei uns die Aktivität dieser Schicht durch die Großhirnfunktionen überdeckt, moduliert, kaschiert, in einzelnen Fällen sogar ins Gegenteil verkehrt. Die Großhirnrinde mit ihren sprachlichen Fähigkeiten hat sich wie ein Filter zwischen archaische, emotionale Empfindung und Außenwelt geschoben.

Das hat zur Folge, dass unsere Emotionen noch ein gutes Stück subjektiver sind als bei jedem Tier: wir können nur unsere eigenen Gefühle fühlen. Was andere Menschen fühlen, können wir nur vermuten – wir können vermuten, dass dieselben Gefühle dahinterstecken, wenn andere Menschen durch ihre Großhirnschicht hindurch dieselben, äußeren Verhaltensweisen zeigen wie wir. Anders als bei irgendwelchen Gegenständen in der Außenwelt, auf die wir zeigen und uns auf Begriffe dafür einigen können, haben wir nur eine sehr indirekte, mittelbare Sicht auf die Gefühle anderer Menschen. Das führte dazu, dass wir für unsere Gefühle nur eine sehr grobe, primitive Sprache aus wenigen Worten entwickeln konnten – und diese Sprache gaukelt unserem Verstand nun wiederum vor, unsere Gefühle selbst seien so primitiv und undifferenziert wie die Sprache, die sie beschreibt.

Entwicklungsgeschichtlich macht es keinerlei Sinn anzunehmen, unsere tieferen Hirnschichten seien seit ein paar Millionen Jahren in ihrer Entwicklung einfach stehengeblieben oder hätten sich gar wie ein überflüssig gewordenes Evolutionsrelikt zurückgebildet. Wir sollten davon ausgehen, dass sich auch unsere entwicklungsgeschichtlich älteren Hirnteile, die unsere Emotionen als tiefe Motivation für unser Tun erzeugen und steuern, im Lauf der Jahrmillionen spezifisch menschlich weiterentwickelt und ausdifferenziert haben. Vermutlich verfügen wir über ein höchst differenziertes, spezifisch menschliches Gefühlsleben, dem wir nur mit unserer diesbezüglich unterentwickelten Sprache keinen adäquaten Ausdruck geben können. Die vielfältige, durchweg nicht verbalisierbare Art, in der uns z. B. Musik und bildende Künste emotional ansprechen, gibt uns da einen deutlichen Hinweis.

Wo wir als Menschen über ein spezifisch ausdifferenziertes Gefühlsleben verfügen, haben wir dasselbe vermutlich auch geschlechtsspezifisch als Männer und Frauen. Schon die Hardware unseres Gehirns gibt ja in den letzten Jahren mehr und mehr anatomische wie funktionelle Geschlechtsunterschiede preis, die wir nur bisher im Einzelnen noch nicht deuten können. Und wenn wir menschliche Gesellschaften beobachten, stellen wir eine Unzahl geschlechtsspezifischer Verhaltensunterschiede und Normen fest. Ein Teil davon mag zufällig oder durch irgendwelche, momentane Machtstrukturen entstanden sein; aber ein Großteil dieser Verhaltensunterschiede hat sich wohl nicht zufällig gerade so herausgebildet, sondern entspricht der unterschiedlichen, emotionalen Struktur der Geschlechter. Ausnahmen – wie etwa wir Transsexuelle – bestätigen die Regel. Nach meiner Überzeugung ist Transsexualität nichts anderes als geschlechtlich invertierte Emotionalität. Eine Laune der Natur hat bei uns in den Körper einer Frau das Gefühlsleben eines Mannes gesteckt – oder umgekehrt. Gerade weil die geschlechtlichen Verhaltensnormen unserer Gesellschaft großenteils die emotionale Befindlichkeit der Geschlechter widerspiegeln und ihren spezifischen Bedürfnissen entgegenkommen, sind sie für uns Transsexuelle unerträglich – gerade deshalb finden wir unsere emotionale Heimat und Zufriedenheit nur in der jeweils anderen Rolle.

Was einen Mann oder eine Frau ausmacht, können wir mit dürrer Wissenschaftlichkeit nur sehr oberflächlich untersuchen und mit unserer an der Außenwelt orientierten Sprache nur sehr scherenschnittartig beschreiben. Die tieferen, subtileren Inhalte unserer Geschlechtlichkeit entziehen sich als subjektive Gefühle diesen Instrumenten. Um uns auch ihnen zu nähern, können uns zwei berühmte Sätze helfen:

Der erste stammt von Sokrates und lautet: »Ich weiß, dass ich nichts weiß«. Was unserer Erkenntnis über das jeweils andere Geschlecht am meisten im Weg steht, ist unsere Neigung, von uns selbst auf andere Menschen zu schließen, anstatt für deren andere Realität und Weltsicht offen zu sein.

Der zweite Spruch lenkt unsere Aufmerksamkeit weg vom oberflächlich Sichtbaren und hin zu dem, was die tiefere Substanz unserer Geschlechtlichkeit ausmacht. Saint-Exupery hat ihn seinem »kleinen Prinzen« in den Mund gelegt: »Wirklich gut sieht man nur mit dem Herzen«.

Dieser Text wurde als Vortrag vor der Mitgliederversammlung von Mensa in Deutschland e.V. gehalten. Veröffentlicht im GenderWunderLand mit freundlicher Genehmigung von Walter H. Greiner.
Den Text habe ich  mit freundlicher Genehmigung von Laura aus deren Genderwunderland übernommen


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