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Herr Turtur und das Gummiband


Du kennst doch sicher noch Herrn Turtur, oder? Herr Turtur ist eine Figur aus einem Kinderbuch von Michael Ende. Die Hauptrollen spielen Jim Knopf und Lukas, aber in der chinesischen Wüste treffen die beiden auf Herrn Turtur. Der ist ein Scheinriese. Je weiter man von ihm weg ist, um so größer sieht er aus und je näher man ihm kommt um so kleiner wird er, bis man ihm ganz nahe ist und dann ist er so groß wie ein normaler Mensch. Diese Figur hat mich immer fasziniert. Vielleicht deshalb, weil dieser paradoxe Gedanke, dass etwas um so größer erscheint, je weiter es weg ist, so fremdartig und gegen die Alltagserfahrung ist.

Der Schriftsteller Terry Pratchett hat in einem Roman einmal festgestellt, dass Weisheit eines der wenigen Dinge ist, die größer erscheinen, je weiter sie weg sind. Es gibt also tatsächlich Scheinriesen!

Doch mir geht es nicht um die Weisheit, sondern ich glaube, ich habe für mich noch etwas anderes entdeckt, dass dieser paradoxen Physik gehorcht. Ich habe meinen eigenen Scheinriesen und das ist mein Verhältnis zur Weiblichkeit bzw. zum Frau-Sein.

Die Tatsache, dass es zwei Geschlechter gibt und dass die Zugehörigkeit zum einen bedeutet, dass man dem anderen eben nicht zugehörig sein kann, hat mich von je her fasziniert. Als Mann bin ich zugleich (quasi per definitionem) eine Nicht-Frau, genau wie eine Frau ein Nicht-Mann ist. Männer und Frauen sind durch einen Graben voneinander getrennt und es gibt (zunächst) keine Brücke zwischen beiden Geschlechtern.

Nun plagt mich die bohrende Frage, wie die Welt denn wohl von der anderen Seite (also für mich der weiblichen) aus wahrgenommen wird. Wie sieht die Welt für eine Frau aus, wie fühlt es sich an, als Frau in der Welt zu leben? Frauen zu fragen hilft nur bedingt weiter, denn sie kennen ja den Unterschied nicht, wissen nicht wie ihre Wahrnehmung sich von der männlichen unterscheidet. Unterschiede kann man nur spüren, wenn man beide Seiten kennt. Um eine Antwort zu finden, gibt es folglich nur 1 Weg: man muss irgendwie auf die andere Seite kommen und es schaffen, als Mann z.B. in eine echt weibliche Sicht der Welt zu gelangen.

Tja, das ist der Ausgangspunkt und hier kommt nun Herr Turtur ins Spiel. Weil ich mich mit meinem Männerkörper sehr weit von dieser weiblichen Position entfernt fühle, erscheint sie mir als etwas Riesengroßes und Besonderes, dem ich unbedingt näherkommen möchte. Zu Anfang war alles weit entfernt und unerreichbar. Doch dann machte ich Schritte auf den Riesen (oder sollte ich besser von der Riesin sprechen?) zu. Fragen wurden gestellt und durch ausprobieren beantwortet.

Wie fühlt es sich eigentlich an, eine Strumpfhose zu tragen?
Wie trägt sich weibliche Wäsche?
Wie ist es einen Busen zu haben? (Hier tauchten erste Probleme auf, da die Optik leicht zu erzeugen ist, doch eine Operation nur zu diesem Zweck ist ausgeschlossen. Und auf der Haut ist nicht unter der Haut.)
Wie ist es, einen Rock oder ein Kleid zu tragen?
Wie läuft es sich in Pumps und/oder auf hohen Absätzen?

Und noch viele Fragen mehr bis hin zu:
Wie ist es, als Frau durch die Stadt zu gehen?
Wie ist es, als Frau zu leben?

Jede beantwortete Frage ließ mich dem Scheinriesen ein wenig näher kommen und in den Momenten, in denen ich mich ihm besonders nahe fühlte, sah er eigentlich immer ein ganzes Stück kleiner aus. Okay, eine Strumpfhose ist transparent und glatt und fühlt sich recht gut an, doch wenn man sie als Alltagskleidungsstück trägt, macht einen das alleine auch nicht glücklich. Es wird irgendwann, tja, normal eben. Und ebenso geht es mit den anderen Attributen der Weiblichkeit. Sie werden kleiner und weniger bedeutungsvoll bis hin zur Normalität, wenn man denn nur nahe genug dran ist. Ich bin noch nicht ganz nahe herangekommen, es gibt noch einige Distanz zu überwinden und vieles erscheint mir noch groß und bedeutungsvoll. Ich werde wohl auch nie bis ganz an den Riesen drankommen. Viele Fragen werden unbeantwortet bleiben.

Die Tatsache, dass ich nie ganz drankommen werde hat auch ihre Begründungen. Eine Begründung kenne ich schon lange. Ich nenne sie hier mal das Gummiband.

Jeder Schritt in die Richtung des Riesen kostet Kraft und je näher ich an den Riesen herankommen will, um so mehr strafft sich das Gummiband und um so stärker zieht es mich zurück. Dieses Gummiband besteht aus verschiedenen Fasern. Es sind gesellschaftliche Normen, es sind ängste, es ist aber auch meine Familie und meine Freude daran, körperlich so sein wie ich von Natur aus bin. All dies macht mir manche Schritte unmöglich und zieht mich zurück, wenn ich nicht gerade bewusst vorwärts gehe. Wenn ich nicht bewusst nach vorne gehe und etwas tue, um mich dem Riesen zu nähern, dann fängt das Gummiband direkt an mich zurückzuziehen. Und das Gummiband ist stark. Ich glaube nicht, dass ich es je zerreißen kann, vielleicht will ich es auch nicht. Das Band besteht aus Dingen, die mir wichtig sind und der Preis den ich zahlen müsste, wenn ich mich des Gummibandes entledigen würde, wäre mir zu hoch.

Und doch gehe ich immer wieder auf den Scheinriesen zu, denn wenn mich das Band ein Stück zurückgezogen hat, dann sieht er wieder größer und geheimnisvoller aus und es wächst zusammen mit ihm der Wunsch, ihn wieder von näherer Distanz zu sehen.

Eine zweite Begründung steht in engem Zusammenhang mit der Tatsache, dass es sich bei dem Phänomen Weiblichkeit nach meiner momentanen Einschätzung eben um einen Scheinriesen handelt. Wenn ich mich bemühe, Dingen näher zu kommen, dann doch in der Absicht, deutlichere Details zu erkennen und etwas genauer zu sehen. Doch genau dies funktioniert bei Scheinriesen nicht. Je näher ich komme, desto kleiner wird mein Scheinriese und um so weniger Details kann ich erkennen, obwohl doch genau das eine Triebfeder meiner Annäherung war. Aus der Ferne interessante Strukturen verschwinden, wenn ich mich ihnen nähere und lösen sich in Belanglosigkeit auf. Der prickelnde Reiz des Weiblichen beruht für mich als Mann wohl nicht zuletzt darauf, dass es das Andere ist. Was also kann ich erreichen, wenn ich so nahe komme, wie es mir nur möglich ist? Ich zerstöre ein Faszinosum und zurück bleibt ein normaler Anblick von einem normalen Menschen und das, was ihn für mich so besonders macht, kann ich dann auch nicht lösen, denn ich weiß auch aus nächster Nähe nicht, wieso ein Scheinriese aus der Entfernung gesehen so groß wirkt.

Ist es dann nicht bloß sinnlos, sondern sogar verrückt und kontraproduktiv, gegen den Zug des Gummibandes auf den Riesen zuzulaufen? In dem Wissen, dass jeder Schritt auf das Objekt der Faszination es kleiner macht! Stehe ich zum Schluss mit leeren Händen da, weil der Riese sich letztendlich sogar bei extremer Annäherung in Nichts aufgelöst hat? Habe ich bei meinem Kampf, um Annäherung vielleicht sogar das Gummiband zerstört, dass doch aus Elementen bestand, die mir wichtig waren? Oder kann ich letztendlich dem Riesen nie so nahe kommen, dass ich sein Geheimnis wirklich löse, weil Teil des Gummibandes auch meine DNA ist, mein genetischer Code, der in jeder Zelle steckt, egal zu was ich meinen Körper auch umforme?

Nein, ich laufe trotzdem auf den Scheinriesen zu! Es geht mir nicht darum anzukommen, sondern um das Laufen! Ich genieße die änderungen die meine Perspektive erfährt, wenn ich den Abstand vermindere. Ich sammele Erfahrungen und erweitere meinen Aktionsradius. Und ich erfahre trotz allem ein Menge über den Scheinriesen (so weiß ich oder glaube zu wissen, dass er einer ist!) über mich und natürlich auch über das Gummiband.

© Jula 2005