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Transvestismus: Von der gesellschaftlichen Toleranz vergessen?

Ein etwas älterer Artikel von Andrea.
Der im ersten Absatz erwähnte § 175 StGB wurde in der Bundesrepublik im Zuge der Rechtsangleichung mit der ehemaligen DDR im Jahre 1994 (! Ja, tatsächlich erst 1994!) gestrichen. Die Parallelvorschrift im StGB der DDR war 1988 weggefallen.


Die Homosexualtität ist enttabuisiert. In einigen Ländern können Männer Männer und Frauen Frauen heiraten. Der die gleichgeschlechtliche Liebe diskriminierende Paragraph 175 des Strafgesetzbuches wird in Kürze gestrichen werden. Gleichgeschlechtliche Paare erregen höchstens in der tiefsten Provinz noch Aufsehen.

Die Transsexualität ist anerkannt. Der schwere Weg ist für die Betroffenen nicht viel leichter geworden. Aber: eine operative Geschlechtsumwandlung ist für die Medizin nichts Außergewöhnliches mehr. Die oder der Transsexuelle kann biologisch und rechtlich so leben, wie sie oder er empfindet.

Der Transvestismus? Gewiss – es gibt Männer, die ihre Weiblichkeit in der Öffentlichkeit ausleben, die sich mit der größten Selbstverständlichkeit als Frau bewegen.

Doch einmal Hand aufs Herz: Wer von uns hat den Mut dazu, obwohl das Verlangen doch immens ist? Wie viele beschränken das Tragen von weiblicher Kleidung auf die eigenen vier Wände, wie viele huschen nur im Schutze der Dunkelheit nach draußen? Wie viele verstecken ihre Röcke, Kleider und Dessous in Koffern und Ecken, in denen sie niemand findet?

Angst davor, mit dem Lebenspartner über die eigenen – weiblichen – Gefühle zu sprechen? Aber ist nicht gerade eine Partnerschaft dazu da, sich auch mit solchen Problemen zu beschäftigen und nach einer Lösung zu suchen? Was sollen die Nachbarn denken, die Freunde, die Arbeitskollegen, wenn »Er« plötzlich als Frau vor ihnen steht?

Wenn wir Angst davor haben, uns so zu geben, wie wir empfinden, dann hat das zwei Ursachen: zum einen vermuten wir fehlende Akzeptanz auf Seiten der Umwelt, zum anderen akzeptieren wir uns selbst nicht, nehmen uns nicht ernst.

Es ist doch irgendwie merkwürdig, dass eine zweitklassige Showgröße mit Auftritten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ein Millionenpublikum hat, der Nachbar im Erdgeschoss Mitte als Frau aber alles andere als Erfolg verbuchen würde. Aber würde sie von der Umwelt nicht vielleicht doch akzeptiert? Ist es nicht viel denkwürdiger, dass ein Großteil der Gesellschaft mit Transvestismus die Show verbindet, und nicht einen zwanghaften Wunsch – oder wunschhaften Zwang –, zu seinen oder ihren Gefühlen zu stehen?

Der Schlüssel zu mehr gesellschaftlicher Toleranz für uns Transvestiten liegt, und das mag banal klingen, bei uns selbst. Die französische Philosophin Elisabeth Badinter hat ein inhaltlich im Grunde selbstverständliches, aber – oder vielleicht gerade deshalb – bemerkenswertes Buch geschrieben (Elisabeth Badinter: Ich bin Du. Die neue Beziehung zwischen Mann und Frau oder Die androgyne Revolution; München: Piper, 1986, 322 S.). Sie führt darin aus, dass jeder Mensch in seinem empfundenen Geschlecht grundsätzlich bisexuell ist, sein Empfinden also weiblich und männlich geprägt ist – bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger.

Was heißt das für uns? Nun – nichts anderes, als dass wir uns zu etwas bekennen, was jeder Mann hat, nur dass wir es ausleben müssen und wollen: die Frau in uns. Die Wissenschaft hat viel erreicht, sie hat auch viele ihrer Erkenntnisse vermitteln können. Doch während fast ein jeder den Ablauf eines bemannten Fluges zum Mond beschreiben kann, scheint die Erkenntnis der Bisexualität des Menschen in der Gesellschaft kaum bekannt – und vielleicht auch aus Angst vor ihrem Eingeständnis – weitgehend verdrängt zu sein.

Was ist zu tun? Wir halten den Schlüssel in unseren Händen: eine Mischung aus Selbst-Akzeptanz, Selbstwertgefühl und Mut. Die Homosexualität ist nicht deshalb weitgehend toleriert, weil sich unzählige Seminare mit ihr auseinandergesetzt und – sozusagen im Namen der Gesellschaft – entschieden haben, dass sie eine normale Form der Sexualität ist, sondern weil Menschen sie gelebt haben – offen und selbstverständlich gelebt haben, zahlenmäßig immer mehr und mehr.

Warum verstecken wir unsere Kleidung? Warum gehen wir nicht in Mode-Boutiquen und kaufen – ohne Ausflüchte – für uns einen Rock? Wenn wir auf Unverständnis stoßen sollten, haben wir die Chance, es auszuräumen. Wenn nicht, ist es das Problem der Verkäuferin oder des Verkäufers. Wir haben keine Probleme mit unserem Verlangen nach Weiblichkeit. Warum leben wir nicht im Alltag unsere Gefühle aus? Wir empfinden feminin, warum sollten wir uns dann nicht mit der größten Selbstverständlichkeit feminin geben und kleiden?

Zugegeben: Das alles ist viel leichter geschrieben als gelebt. Aber ich rede mit meiner Freundin über mein Empfinden als Frau, seit kurzem hängen meine Kleider offen auf einem Kleiderständer, meine Schminke steht im Bad, ich kaufe und bestelle Kleider als Frau. Es sind kleine Schritte, aber es ist ein Anfang. Ich habe begonnen, mich zu akzeptieren – und ich glaube, ich bin froh, dass ich so bin wie ich bin.

Die gesellschaftliche Toleranz für eine Gruppe ist in großem Maße abhängig, wie die Mitglieder der Gruppe sich selbst akzeptieren. Die gesellschaftliche Toleranz hat uns vergessen, weil wir unsere Akzeptanz vergessen haben.

I am what I am!

Andrea

Diesen Text habe ich mit freundlicher Genehmigung von Laura aus deren Genderwunderland übernommen