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Nur gemeinsam sind wir stark


Transgender und die Judäische Volksfront

Wenn man Trans* ist, dann hat man eine Menge Probleme in der Welt. Wir stoßen auf Unverständnis und Ablehnung und stehen unter Rechtfertigungsdruck. Da wäre es hilfreich, wenn wir uns zusammen tun würden und dadurch deutlich machen könnten, dass wir keine kranken Ausnahmen, sondern durchaus eine verbreitete Gruppe sind. Der Begriff Transgender ist für mich wegen seiner Weite ein Schirm, der die Möglichkeit bietet, hinreichend viele von uns unter sich zu sammeln.
Während es in anderen Zusammenhängen (Politik, Medizin) inzwischen unproblematisch und üblich ist, den Begriff Transgender als Oberbegriff zu verwenden, gibt es speziell bei Transsexuellen gegen die Begrifflichkeit teils heftigen Widerstand.
Ich habe mir schon viel Ärger eingehandelt, weil ich Transgender als Oberbegriff für alle möglichen Formen von Genderinkongruenz verwende und mich weigere, Transsexuelle davon auszunehmen. Was passiert, wenn man versucht manche Transgender unter diesem Begriff zusammenzufassen, erinnert mich stark an eine Szene aus dem Film “Das Leben des Brian”:
"Seid ihr von der Judäischen Volksfront? Judäische Volksfront? Quatsch! Wir sind die Volksfront von Judäa!"
Das ist deswegen traurig, weil über die Bemühungen sich von anderen, die so ähnlich sind, wie man selbst, das eigentliche Ziel, nämlich die Gesellschaftliche Anerkennung aus den Augen verliert.
„Die einzigen, die wir noch mehr hassen als die Römer… sind die von der scheiß Judäischen Volksfront.“
Statt gemeinsam für unsere gemeinsamen Interessen einzutreten, verbrauchen wir unsere Energie damit, uns voneinander abzugrenzen.

Was stört Transsexuelle?

Viele Transsexuelle verwehren sich dagegen, unter dem Begriff "Transgender" mit erfasst zu werden. Dabei fallen häufig solche Floskeln wie "Äpfel und Birnen dürfen nicht miteinander verglichen werden". Tatsächlich geht es immer darum, dass eine gefühlte Vereinnahmung durch die Subsumtion unter einen Oberbegriff spezifische Interessen von Transsexuellen verletzen und ihnen nicht gerecht werden würde. Dahinter steckt vermutlich die Angst, mit der eigenen Sehnsucht nach einem möglichst normalen, unauffälligen Leben durch die Identifikation mit Personen, die offener zu ihrer Besonderheit stehen, diskreditiert zu werden. Hinzu kommt, dass die Wertschätzung von queeren Lebensmodellen  bzw. das Verständnis dafür bei Trans-Personen nicht notwendig größer ist, als beim Durchschnitt der Bevölkerung.
Das impliziert die Annahme, dass Transsexualität aufgrund ihres Status als medizinische Kategorie in den gängigen Diagnoserastern irgendwie akzeptabler oder seriöser wäre als andere Erscheinungsformen von Genderinkongruenz. Verursacht durch die alte Trennung im ICD, die nur Transsexualität und Transvestitismus kannte, ist dabei die Angst besonders groß, mit dem eigenen Anliegen in die Nähe eines sexuell motivierten Fetischismus gerückt zu werden. Ob gerade ein pathologisierender Begriff aus medizinischen Diagnoserastern geeignet ist, uns die gewünschte "Normalität" zu attestieren, möchte ich bezweifeln. Zum Glück wird er in wenigen Jahren sowieso aus ICD und DSM verschwunden sein.

Weshalb ist Transgender ein Oberbegriff?

Bild "Leseecke/Politik:Transgendersymbol.png"Das wird deutlich, wenn man sich anschaut, was genau die Begriffe eigentlich sagen.
Bei Transsexualität, geht es, wie der Wortteil Sexualität" deutlich macht um den Aspekt des Geschlechtes, also um die individuellen Eigenschaften einer Person. Hier sind wir im Bereich der Biologie. Ein Individuum hat ein bestimmtes Geschlecht, aufgrund seiner körperlichen Eigenschaften und beim Menschen auch aufgrund seiner Psyche. Die (Selbst-)Kategorisierung als transsexuell ist folglich eine Aussage über die biologische Zuordnung zu einem Geschlecht, das mit den körperlichen Gegebenheiten nur sehr eingeschränkt parallel geht.
Demgegenüber fokussiert der Begriff Transgender mit dem Wort "Gender" auf eine soziale Kategorie. Es geht also darum, welcher sozialen Rolle ich zugeordnet werden möchte. Aufgrund dieser Definition ist der Begriff Transgender offen für viele unterschiedliche Umgangsformen mit dem Thema offen. Der körperliche Status spielt ebenso wenig eine Rolle wie die Frage, warum das andere Gender beansprucht wird, und ob es sich um eine dauerhafte oder temporäre und ggf wechselnde Zuordnung handeln soll. Wichtig ist nur, dass die Gendergrenzen nach eigener Einschätzung überschritten werden.
Der Begriff Transgender verhält sich also zum Begriff Transsexuelle nicht anders als der Begriff Mensch zum Begriff Deutscher. Nicht alle Menschen sind Deutsche, aber alle Deutschen sind Menschen. Das mag man persönlich vielleicht nicht gut finden, aber eine Unterscheidung in Deutsche hier und Menschen dort ist nicht logisch.
Gibt es Transsexuelle, die keine Transgender sind?
Auch wenn bei Transsexuellen der körperliche Aspekt, also das Geschlecht eine wichtigere Rolle spielt als bei anderen Transgendern, gibt es nach meinem Wissen doch höchstens eine kleine Minderheit, die zwar die körperliche Anpassung wünschen, die soziale Rolle, also die Anerkennung des Gender jedoch nicht.
Mir ist keine transsexuelle Person bekannt, der es ausschließlich um eine Veränderung ihrer Geschlechtsorgane geht. Die äußerliche Erscheinung und  die rechtliche Anerkennung des Personenstandes gehören immer mit dazu. Aussehen und rechtlicher Status gehören aber nicht zum biologischen Geschlecht, sondern sind eindeutig Aspekte von Gender.
Viele medizinische Maßnahmen haben sogar überwiegend, wenn nicht sogar ausschließlich das Ziel, den gesellschaftlichen Genderklischees besser entsprechen zu können.
Bis zum Beweis des Gegenteils, also zB durch eine MzF-TS, die weibliche Genitalien hat oder haben möchte, aber weiter sozial als Mann lebt und leben möchte, behaupte ich, dass es keine Transsexuellen gibt, die nicht Transgender sind. Umgekehrt gibt es aber logischerweise eine Menge Transgender, die nicht transsexuell sind.

Weshalb der Zugang über den Begriff Transgender richtig und wichtig ist

Wenn man die soziale Realität betrachtet, knüpfen die Schwierigkeiten von Transpersonen nicht daran an, welche Geschlechtsorgane sie haben, sondern welchem Gender sie in der Gesellschaft über ihre Selbstpräsentation, ihren Namen und ihre offiziellen Papiere zugeordnet werden wollen.
Wir werden nicht diskriminiert, weil wir fälschlicherweise einen Penis oder eine Vagina haben, sondern weil unsere Körper nicht zu der von uns beanspruchten Geschlechtsrolle zu passen scheinen oder für sie zumindest auffällig sind. Passt das Gender zum äußeren Erscheinungsbild, ist alles okay. Wenn nicht, wird es schwierig.
Deshalb ist eben nicht der Körper und seine Beschaffenheit im Detail der Kern der gesellschaftlichen Thematik. Was wir zwischen den Beinen haben oder auch nicht, geht nicht nur niemanden etwas an, es hat auch keine Auswirkungen darauf, wie wir im Alltag behandelt werden, z.B. ob wir den Job kriegen oder nicht. Im Alltag geht es immer nur um Gender. Akzeptiert man uns in der von uns beanspruchten Geschlechtsrolle oder nicht? Und diese Frage ist für alle Personen, die Gendergrenzen überqueren die gleiche. Unabhängig davon als welche spezielle Untergruppe wir uns definieren.
Aus der Sicht der Gesellschaft ist der einzig relevante Aspekt, dass wir Gendergrenzen verletzten. In welcher Form wir das tun oder gar warum, sind Fragen, die dann gar nicht mehr so wichtig sind. Nur das Faktum ist wichtig. Ich glaube nicht, dass nur ein einziges Hassverbrechen oder eine einzige Diskriminierung mit der Begründung unterlassen wurde, dass es sich bei dem Opfer schließlich nicht um eine Transgender, sondern um eine Transsexuelle handelt.
Tatsache ist, wir sitzen alle in einem Boot. Ob wir das wollen oder nicht. Deshalb  brauchen wir irgendeinen Begriff , der alle Personen umfasst, die gesellschaftlichen Repressionen ausgesetzt sind, weil sie mit ihrer Selbstdarstellung Gendergrenzen überschreiten. Das muss nicht “Transgender” sein. Aktuell gibt es Tendenzen, die Begriffe „Trans*“ oder „Transpersonen“ zu verwenden. Das habe ich hier auch getan. Es ist zwar Wortklauberei, doch wenn es hilft, dann soll es mir recht sein.

Fazit

Auch wenn sich manche Transsexuelle erbittert dagegen wehren: solange es ihnen nicht genügt, bestimmte Geschlechtsorgane zu haben, sondern sie dazu auch passende die soziale Rolle für sich beanspruchen, sind sie Transgender!
Es wäre gut, wenn sie dazu stehen könnten, denn nur gemeinsam sind wir stark genug, um die Gesellschaft so zu verändern, dass diese Welt für uns alle ein besserer Ort wird.

Querverweise


© Jula Böge 2016