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Hypothesen


Sich selbst kennenlernen

Viele Themen werden in den einschlägigen Foren und Chats der Transgender-Szene behandelt, doch scheinen sie mir eine Gemeinsamkeit zu haben: Es geht um die Auseinandersetzung mit unserer Umwelt. Egal, ob es um eine Bezugsquelle für Perücken, das Ausgehen en-femme, die Auseinandersetzung mit der Partnerin oder die Angst vor dem Erwischtwerden geht. Das Thema ist letztlich unsere Beziehung zu unserer Umgebung.

Ein Thema vermisse ich jedoch (Nein, nicht Sex): die Auseinandersetzung mit uns selbst. Eventuell ist das aber auch ein spezifisches Problem, das nur mich betrifft. Das Thema, das mich beschäftigt ist: Was treibt mich dazu, so zu sein, wie ich akzeptiert habe zu sein? Ich habe viel nachgedacht, aber das Nachdenken ohne Kommunikationspartner und Abgleich mit anderen ist risikoreich und meist so zielführend wie die Jagd einer Katze nach dem eigenen Schwanz. Ausgangspunkt meiner Überlegungen ist mein eigenes Erleben, das eventuell auch einige von Euch teilen werden. Ich habe keine Antworten, aber viele Fragen und einige Hypothesen.

Der Ausgangspunkt

Ich bin ein Mann, ich bin heterosexuell, ich liebe meine Frau, ich liebe meinen Sohn, ich liebe es aber auch weibliche Kleidung zu tragen. Nicht nur das, ich kann es nicht unterlassen, weibliche Kleidung zu tragen. Ich will jedoch keine Frau sein. Wenn ich weibliche Wäsche und Kleidung oder auch Lippenstift trage, dann fühle ich mich weiblich, aber ich weiß doch, dass ich keine Frau bin. Ich wünsche mir, im Körper einer Frau zu stecken, zu fühlen, was eine Frau fühlt und möchte doch Ich bleiben. Soweit die (subjektiven) Fakten. Die Folgen, die das für meine Beziehungen zur Umwelt hat, werden hier und anderswo von vielen CD/TV thematisiert. Ich möchte hier jedoch ein wenig über die Frage nachdenken, warum ich und andere so sind. Das ist gar nicht so leicht, denn zu den Fakten gehört auch die Feststellung, dass weder ich noch Ihr uns ausgesucht haben, zu sein wie wir sind. Wir sind Hineingeworfene in eine Situation, mit der uns nur bleibt, so gut wie möglich umzugehen. Was aber hat da so große Macht über uns und was bedeutet das für uns?

Im Folgenden liste ich einige Hypothesen auf, die weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Richtigkeit haben. Sie sind auch nicht solitär zu sehen, sondern sie können in wechselnden Anteilen nebeneinander stehen.

Hypothese: Flucht vor den Anforderungen der (Männer)Welt

Die Identifikation mit der weiblichen Rolle kann der Versuch einer Entlastung von den Umweltanforderungen sein. Männer haben zu tun, während es für Frauen gesellschaftlich toleriert wird, wenn sie sind. Als Mann muss man sich in aller Regel Anerkennung erarbeiten, während Frauen allein schon für ihr Frausein positive Resonanz finden. Geliebt oder wenigstens gemocht werden einfach dafür, dass man da ist, freundlich und eventuell noch schön. Schwach sein können und trotzdem oder gerade deshalb geliebt werden. Ist es das?

Hypothese: Neugier

Der Drang nach Wissen hat uns immer neue Horizonte eröffnet, aber trotz der gigantischen Fortschritte der Wissenschaft bleibt eine unüberschreitbare Grenze. Die Grenze unseres eigenen Erlebens. Wie eine Frau sich fühlt und die Welt sieht bleibt Männern für immer verschlossen. Was aber, wenn gerade dies einen Mann interessiert? Wenn er nichts interessanter findet, als die Welt der Frauen zu erkunden? Sicher, man kann reden, aber das sind Erfahrungen aus zweiter Hand. Besser als hören ist erleben. Frau sein unter Frauen, eventuell auch unter Männern. Wissen über die Grenzen der Geschlechter hinweg erwerben. Ist es das?

Hypothese: Sinnlichkeit

Als Frau ist es nicht nur okay, sondern geradezu erwünscht, sich mit sich und seinem Körper auseinanderzusetzen. Frauen mögen ihren Körper (auch, wenn sie ihn nicht unbedingt und immer attraktiv finden). Für Männer ist der Körper die Trägersubstanz für Kraft, sexuelle Erregung und Intellekt, aber selten ein Wert an sich. Die führt unter anderem dazu, dass Frauen in einer sehr viel sinnlicheren Welt leben. Die Kleidung schmeichelt dem Körper, sie vermittelt angenehme Gefühle, Parfum und Make-Up machen die Frau sich selbst angenehmer. Farben und Schmuck sprechen die Ästhetik an. Wenn ich als Mann diese Sinnlichkeit fühlen möchte, bleibt mir nur das "Zubehör" der Frauen, denn das Zubehör der Männer ist praktisch, aber weder Frauen noch Männer empfinden es als sinnlich. über Weiblichkeit einen Zugang zur Sinnlichkeit finden. Ist es das?

Hypothese: Täuschung

Im Karneval macht es allen Spaß: Sich verkleiden, eine andere Identität annehmen. Doch warum diesen Spaß nicht auch in den Alltag retten? Als Frau angesehen werden, obwohl man keine ist, die anderen reinlegen. Das vermittelt auch ein Gefühl von überlegenheit, denn in einer Welt der Täuschungen gehört man dann nicht zu den Getäuschten, sondern zu den Täuschern. Die Freude, den anderen ein Geheimnis voraus zu haben. Ist es das?

Hypothese: Risiko

"No risk - no fun!" sagt ein bekannter (Männer)Spruch. Mit unserer Vorliebe setzen wir uns erheblichen Risiken aus: Entdeckt, verlacht, verprügelt, gedemütigt. In der einen oder anderen Form hat das jede von uns schon erlebt. Doch das Risiko verdrängt nicht den Reiz, es ist ein Teil davon. Die Gefahr beim Einkaufen einer Strumpfhose von der Nachbarin entdeckt zu werden oder beim Stöbern in der Damenwäscheabteilung des Kaufhauses eine Arbeitskollegin zu treffen. Die Gefahr der Demütigung ist Teil des Erlebnisses. Wäre das Tragen von Frauenkleidung auch so toll, wenn es erlaubt wäre, wenn es normal wäre? Das Ungewisse der Reaktion der Umwelt gibt zumindest einen zusätzlichen Kick. Ist es das?

Hypothese: Liebe

Nicht Sex! Beinhaltet nicht die Liebe, den Wunsch der Partnerin so nahe wie möglich zu sein, sie zu verstehen, ihre Empfindungen zu teilen? Sex lebt vom Unterschied, doch in der Liebe suchen wir nach dem Einswerden mit dem bzw, der anderen. Es gibt die Theorie, dass die beiden Geschlechter die unvollständigen Hälften eines Wesens sind, das aus beiden besteht. Haben wir nur eine besonders starke Sehnsucht nach unserer verlorenen Hälfte? Zeigt unser Verlangen nur den Wunsch, den anderen Wesen, die wir so verehren nahe zu sein. Transvestitismus als Anbiederung an die verehrte Weiblichkeit. Ist es das?

Hypothese: Devotion

Es ist das Schicksal, der Männer, den aktiv gestaltenden, den überlegenen Part zu haben. Männer nehmen, sie werden nicht genommen. Aber ist es nicht auch schön, genommen zu werden, der passive Teil zu sein? Passiv sein aber heißt im sexuellen Bereich doch auch immer noch: weiblich sein. Sich selbst in die Rolle der Unterlegenen bringen. Ist es das?

Hypothese: Narzismus

Vielleicht sind wir aber auch in uns selbst verliebt und können dieser Liebe dadurch am besten Ausdruck verleihen, dass wir mehr als nur Männer sind: Männer die gleichzeitig auch Frauen sind und die folglich ein Recht haben sich selbst zu lieben. Ist es das?

Hypothese: Balance

Als Männer sind wir gezwungen, bestimmten Aspekten unsere Persönlichkeit die Oberhand zu geben. Hart, effizient, rational, ernst, laut, eben beherrschend. Was ist mit den anderen Teilen, die gern albern sind, sinnlich und zurückhaltend? Feminine Bedürfnisse als Ausdruck unterdrückter Persönlichkeitsanteile. Ist es das?

So viele Hypothesen, aber keine Antwort!

© Jula 2003
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